„Ältere Fahrer haben mehr Routine.“

Senioren als Gefahr im Straßenverkehr? Polizeihauptkommissar räumt mit Vorurteil auf

Kassel. Immer mehr Menschen fahren immer länger Auto. Das Ergebnis: Manchmal bekommen betagte Fahrer gar nicht mit, dass ihre Seh- und Hörfähigkeit oder Fahrtauglichkeit im Allgemeinen nachlassen und sie als Fahrer eine Gefahr im Straßenverkehr darstellen. 

Darüber unterhielten wir uns mit Polizeihauptkommissar Jürgen Schnittger, dem Leiter des Sachgebiets Verkehrs- und Kriminalprävention in Kassel.

Wer verursacht denn nun mehr Verkehrsunfälle: ältere oder jüngere Autofahrer?

Jürgen Schnittger: Grundsätzlich offenbart die Statistik für Ältere trotz physiologischer und degenerativer Entwicklungen positivere Zahlen, als man vielleicht annimmt: In der Unfallhäufigkeit liegen die Jüngeren eindeutig vorn. Im Jahr 2016 waren in Nordhessen 4232 der 18- bis 24-Jährigen an Unfällen beteiligt, während es bei den 65- bis 74-Jährigen 2079 waren, bei den Verkehrsteilnehmern über 75 Jahren 1577. Das liegt in erster Linie an der Unerfahrenheit der jungen Autofahrer.

Aber auch am unsicheren oder zu forschen Fahrverhalten. Junge können sich leichter überschätzen. Senioren haben aufgrund ihrer Erfahrung Routine beim Autofahren. Sie fahren in der Regel defensiver.

Wie ist die tendenzielle Entwicklung?

Schnittger: Von 2014 bis 2016 hat sich die Zahl der Unfälle, an denen Menschen ab einem Alter von 65 Jahren beteiligt waren, um 334 Fälle erhöht. Das ist mit der demografischen Entwicklung der Gesellschaft, also einer Verschiebung hin zu dieser Altersgruppe, zu begründen. Die Menschen werden älter, ihr Anteil an der Bevölkerung nimmt dadurch prozentual zu. Mit einem tendenziell weiteren Anstieg von Unfällen, an denen Ältere beteiligt sein werden, ist deshalb zu rechnen.

Man sollte also darauf reagieren. Wie am besten?

Schnittger: Hierzu möchte ich gerne auf den Paragrafen 1 der Straßenverkehrsordnung verweisen: Neben der gebotenen Vorsicht sollten alle Verkehrsteilnehmer doch grundsätzlich mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Man sollte zum Beispiel Verständnis dafür haben, wenn jemand mal etwas langsamer fährt. Es gibt sicherlich einen Grund dafür.

Leider hat sich die Verkehrsmoral allgemein sichtlich verschlechtert. Die Verkehrsdichte hat sich erhöht. Die Situation auf den Straßen ist angespannt, ungeachtet des Alters der Fahrer oder einer jeweiligen Verkehrsbeteiligung. Deshalb der immer zu wiederholende Appell auf eine gegenseitige Rücksichtnahme und ein verständnisvolles Miteinander.

Ältere sind also nicht per se die gefährlicheren Verkehrsteilnehmer. Was aber ist, wenn eine Gefährdung von einem Senior ausgeht, weil er schlecht sieht, hört oder anders altersbedingt eingeschränkt ist?

Schnittger: Wenn Polizeibeamte nach einem Unfall oder auch bei einer Verkehrskontrolle zu der Erkenntnis kommen, dass die Fahrtauglichkeit eines Fahrers – ob Senior oder nicht – möglicherweise beeinträchtigt ist, so erfolgt dann gegebenenfalls eine Meldung an die Führerscheinstelle.

Die kann verpflichtend vorladen, um die Fahrtauglichkeit unter körperlichen, geistigen und psychischen Gesichtspunkten zu überprüfen. Möglicherweise werden dann Auflagen erteilt, beispielsweise, sich ein Hörgerät oder einer Brille zuzulegen.

Sind Untersuchungen ab einem bestimmten Alter sinnvoll? Wie sieht es da mit der Freiwilligkeit aus?

Schnittger: Wie allgemein bekannt, ist der menschliche Körper degenerativen Prozessen unterlegen. Daher sind regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen zu empfehlen. Ab welchem Alter diese wahrgenommen werden, liegt im Interesse eines jeden Einzelnen. Hinsichtlich einer freiwilligen Überprüfung der eigenen Fahrtauglichkeit bieten Fahrschulen Überprüfungsfahrten für Senioren an und laden dazu ein, die Verkehrsregeln aufzufrischen. Das ist ein sehr sinnvolles Angebot.

Warum kann man solche Checks nicht vorschreiben?

Schnittger: In Deutschland gibt es hierzu derzeit keine gesetzlichen Vorgaben zu Gesundheitschecks zur Überprüfung der Fahrtüchtigkeit. Der vorherige Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat verpflichtende Eignungstests kategorisch abgelehnt. In anderen europäischen Ländern gibt es jedoch schon Korrektive: In Spanien beispielsweise müssen Fahrer ab 65 Jahren alle fünf Jahre ihren Führerschein erneuern. In Dänemark müssen sie ab einem Alter von 75 Jahren ärztliche Atteste über ihre Fahrtauglichkeit vorlegen, ab 80 Jahre muss der Führerschein jedes Jahr verlängert werden.

Was gibt es bei uns?

Schnittger: In Hessen haben wir gute Präventionsprogramme – auch speziell für Senioren. Mit der Polizeikampagne „Maximal – mobil bleiben mit Verantwortung“ möchten wir das Bewusstsein für eine lang währende Mobilität schärfen. Zudem hat sie zum Ziel, maximale Mobilität bei größtmöglicher Verkehrssicherheit verantwortungsvoll zu erreichen. Und das heißt eben auch, verantwortlich mit der eigenen Gesundheit umzugehen. So empfehlen wir beispielsweise, regelmäßig Hör- und Sehtests machen zu lassen und bei der Einnahme von Medikamenten unbedingt die Nebenwirkungen zu beachten. Darüber sollte sich jeder vom Arzt oder Apotheker aufklären lassen. Nicht wenige Medikamente führen nämlich auch zu einer – zumindest – eingeschränkten Fahrtüchtigkeit.

Apropos freiwillig: Nach Informationen der Stadt haben im vergangenen Jahr in Kassel 16 Menschen über 75 Jahre ihren Führerschein freiwillig abgegeben, 2016 waren es sogar 29 und 2015 insgesamt 17 Ältere. Was sagen Sie dazu?

Schnittger: Es ist sehr verantwortungsvoll, dass jemand mit dem Autofahren aufhört, wenn er oder sie merkt, dass er oder sie nicht mehr in der Lage ist, ein Fahrzeug im Straßenverkehr sicher zu beherrschen. Wenn das jemand für sich selbst entscheidet, ist das der beste Weg. Kommen Bedenken von Außenstehenden, ist sicherlich nicht immer die gebotene Einsicht gegeben.

Die Nutzung des ÖPNV – in einigen Städten Deutschlands sogar kostenfrei oder kostenreduziert –, Anrufsammeltaxis und anderes sind nach einer solchen Entscheidung Alternativen im Sinne der Mobilität.

Zur Person

Jürgen Schnittger (59) ist in Edermünde geboren. Seit 1974 arbeitet er bei der Polizei. Heute ist der Polizeihauptkommissar in Kassel Leiter des Sachgebiets Verkehrs- und Kriminalprävention im Hauptsachgebiet E4 (Prävention). Schnittger ist verheiratet, Vater eines erwachsenen Sohnes, und lebt mit seiner Familie in Fuldabrück.

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