Betroffene beklagen sich über Chaos

„Versuchen Sie es später nochmal“: Senioren sind sauer über Impftermin-Vergabe

Screenshot corona-impf-services-hessen.de
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Beim nächsten Klick war Schluss mit Service: die Startseite des Internetportals zur Impftermin-Anmeldung.

Hotlines, bei denen man über Stunden nicht durchkommt, Internetportale, die zusammenbrechen – Über 80-Jährige, die sich zur Corona-Impfung anmelden wollten, erlebten ein nervenaufreibendes Chaos.

Kaufungen/Baunatal/Kassel – So schnell wie möglich, sobald alles eingerichtet sei, wollte sich Johanna Hein aus Kaufungen einen Impftermin geben lassen. Erst vor wenigen Tagen war sie 80 Jahre alt geworden. Auf die große Geburtstagsfeier hatte sie ebenso wie auf das Weihnachtsfest mit der Familie coronabedingt verzichten müssen. „Ich habe in den letzten Wochen zurückgezogen gelebt und mich an alle Hygienevorschriften gehalten“, sagt sie. Jetzt habe sie sich gedacht: „Wenn man schon so alt wird, sollte man wenigstens auch die Vorteile nutzen.“

Der Vorteil ist in diesem Fall, mit über 80 noch vor den meisten anderen eine Impfung gegen Corona zu bekommen. „Damit wir bald wieder normal und herzlich miteinander umgehen können“, wünscht sich Johanna Hein.

In einem Brief des Ministerpräsidenten Volker Bouffier, der ihr am Montag zugestellt worden war, hieß es, sie sei aufgrund ihres Alters besonders gefährdet. „Es ist uns gelungen erste Impfungen anzubieten.“ Sie könne sich jetzt für eine Impfung ab dem 19. Januar in einem der sechs regionalen Impfzentren in Hessen anmelden.

Zu viel versprochen, keine Chance. Von acht Uhr morgens an wählte Hein die angegebene Service-Nummer 116 117 und später auch die Wiesbadener Nummer 06 11/ 50 59 28 88. Sie kam nicht durch. Immer wieder versuchte sie es. Dann setzte sich Johanna Hein an ihren Computer und rief die angegebene Seite corona-impf-services-hessen.de auf. „Hier können Sie Ihren Impftermin in Hessen online vereinbaren“, war da zu lesen. Doch beim Klicken auf die nächste Seite ging es nicht mehr weiter. „Das war frustrierend“, sagt Hein.

Viele Betroffene beklagen sich über Impftermin-Chaos

Kein Durchkommen – weder am Telefon noch auf den Onlineportalen: Das Chaos zum Anmeldestart für einen Impftermin zum Schutz gegen Corona hat am Dienstag viele Menschen in Kassel und ganz Nordhessen verärgert. Der missglückte Start für die über 80-Jährigen sorgt für viel Kritik von Betroffenen und deren Angehörigen.

Auch Margrit Herbst (85) aus Baunatal hat um 8 Uhr die Hotline angerufen, um für sich und ihren 89-jährigen Mann Justus Impftermine zu vereinbaren. Sie kam tatsächlich gleich durch. „Ich gratuliere, Sie sind die erste Anruferin“, beglückwünschte sie eine freundliche Frauenstimme. Als die Frau am anderen Ende einen Termin ausmachen wollte, musste sie aber passen: Alle Systeme seien überlastet, sie könne nichts eintragen. „Bitte versuchen Sie es später noch mal“, riet sie. „Was denken die sich?“, sagt Margrit Herbst. Natürlich kam sie später nicht mehr durch. „Dann haben wir uns ratlos an den ärztlichen Bereitschaftsdienst gewandt.“ Ebenfalls eine Sackgasse. Schließlich rief sie die Enkeltochter in Berlin an, ihre Beraterin in allen IT-Angelegenheiten. Die konnte der Großmutter nur zur Geduld raten. In anderen Bundesländern soll es besser geklappt haben, erfuhr sie. „Seit Wochen winken wir den Nachbarn nur von Weitem zu, Weihnachten hat als Videokonferenz stattgefunden“, sagt Margrit Herbst. „Jetzt wollen wir uns impfen lassen, damit vor allem für die Jungen das Leben wieder normal wird.“

Auch Johanna Hein hat nicht aufgeben. Weil sie gestern einen Arzttermin hatte, fragte sie die Hausärztin, ob sie ihr helfen könne. „Wo kämen wir denn hin, wenn wir allen über 80-Jährigen Impftermine besorgen sollten?“, wurde sie abgekanzelt. Das sei Aufgabe der Familien.

Hein rief ihre Enkeltochter, eine Studentin, an. Die versprach der Oma zu helfen und zu einem späteren Zeitpunkt auf die Serviceseite zu gehen. Wenn weniger Andrang herrsche, also nachts. Ob es dann noch Termine gibt? „Was dort abgeht, ist ein Armutszeugnis“, meint Günther Wolff. Nach dreistündigen Versuchen habe er die Meldung erhalten, der Server sei wegen Wartungsarbeiten nicht mehr erreichbar. Bei keiner der genannten Telefon- und Internetmöglichkeiten habe es ein Durchkommen gegeben. „Ich versuche es für meine Eltern, möchte mir aber gar nicht vorstellen, wie das die älteren Menschen bewerkstelligen sollen“, sagt der Kasseler. Es sei doch nicht so, dass es nicht zu erwarten gewesen wäre. Aber wieder sei man dem Ansturm, wie schon bei der Corona-Soforthilfe, nicht gewachsen. Wolff: „Einfach nur ärgerlich und unverständlich.“

Ab 8 Uhr hat auch Alfred Röver versucht, per Telefon einen Impftermin zu bekommen, aber es sei ständig besetzt gewesen. Als er gegen 9.30 Uhr endlich durchgekommen sei, habe ihm eine Frau gesagt, dass der Computer leider abgestürzt sei und er es in ein oder zwei Stunden wieder versuchen solle. Das tat er auch, berichtet der 83-jährige Kasseler. Aber die Leitung sei wieder besetzt gewesen. Gegen 11.15 Uhr sei er erneut durchgekommen. Da erklärte ein Mann, es täte ihm leid, aber man habe einen Systemfehler. Er solle doch bitte morgen oder übermorgen anrufen. „Das kann sich doch eigentlich gar keiner ausdenken“, meint Röver.

Helmut Bremer hat es ebenfalls ab 8 Uhr auf allen Rufnummern und Internetadressen versucht – vergeblich. „Ich werde am 31. Januar 84 Jahre alt. Ich hätte gerne frühzeitig die Spritze, weil ich noch Leben will“, betont der Kasseler. „Das Ganze ist doch eine Lachnummer.“ Wenn er vor Weihnachten bei einem Spendenaufruf im Fernsehen die Telefonnummer wähle, komme er sofort durch. „Vielleicht sollte das Ministerium die Impftermin-Anmeldung mal dem Fernsehen überlassen.“

Nicht nur in Kassel, auch in der Umgebung ärgert man sich über die Startschwierigkeiten. So hat eine Korbacherin den ganzen Vormittag damit verbracht, ihren 84-jährigen Vater für die Impfung in Kassel anzumelden. Nach langen Versuchen per Telefon und im Internet habe sie endlich jemanden erreicht. „Der Mitarbeiter in dem Call-Center sagte mir dann aber, dass es keine Termine mehr gebe, weil der Impfstoff aufgebraucht sei.“ Sie solle sich am nächsten Tag noch einmal melden. Sie fragt sich, wie es gestern vor allem den älteren Menschen ergangen sein muss. Und sie will es heute wieder versuchen. (Christina Hein und Andreas Hermann)

Fragen und Antworten zur Terminvergabe für die Corona-Impfungen in Kassel

Die Terminvergabe für die ersten Impftermine ist in Stadt und Kreis Kassel wegen der großen Nachfrage am Dienstag mehr als holprig gestartet. Hier beantworten wir Fragen zum Thema.

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