Beginn des Zweiten Weltkriegs

Zeitzeugin: „Ich habe keinen in den Krieg geschickt“

Herta Belz Foto: Hein

Kassel. Vor 75 Jahren, am 1. September 1939, begann der Zweite Weltkrieg mit Hitlers Überfall auf Polen. Herta Belz (90) erzählte uns, wie sie diesen Tag erlebt hat:

Nur wenige Tage vor dem 1. September 1939 war die Welt für die Schülerinnen der Abschlussklasse der Kasseler Handelsschule noch in Ordnung. Sie befanden sich vom 18. bis 25. August auf Klassenfahrt am Rhein. Die Fotos im Album von Herta Belz (90) zeigen eine Schar lachender Mädchen vor Postkartenmotiven in Godesberg, Köln und am Loreley-Felsen. Bereits die folgende Schulklasse musste den Ausflug ins Rheinland abbrechen und die Jugendherberge räumen, um Soldaten Platz zu machen, erzählt Herta Belz, die damals 15 Jahre jung war.

Schweigen

In der Schule sei der 1. September kein Thema gewesen. Zum Einmarsch in Polen wurde geschwiegen.

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Aber im Elternhaus in Weimar (heute Ahnatal) hatte die Familie am Volksempfänger die Kriegserklärung aufmerksam mitverfolgt. „Das war furchtbar.“ Der Vater, ein kommunistischer Zimmererpolier, habe in den vorausgegangenen Wochen oft seine Befürchtung ausgesprochen: „Das gibt Krieg.“ Gemeinsam mit der Mutter, einer Textilarbeiterin, und den drei Geschwistern habe man viele Diskussionen geführt. „Wir waren eine sehr politische Familie. Bei uns wurde über alles gesprochen.“ Zudem habe man Kontakte nach Polen und damit Informationen aus erster Hand gehabt. „Mein Vater hat Hitlers Lügen stets durchschaut.“

Die Familie, die inzwischen in Kassel, Wegmannspark, heute der Stadtteil Jungfernkopf, wohnte, überlebte den Zweiten Weltkrieg, aber der Kriegsnot und -zerstörung entkam auch sie nicht. Der Vater Johannes Hauptreif wurde noch mit 40 Jahren, 1942, in die Wehrmacht eingezogen. Keiner der jungen Männer, die in eine Uniform gesteckt wurden, murrte. „Es war für sie eine Selbstverständlichkeit, eine Frage der Ehre“, sagt Herta, „sie waren so erzogen worden.“ Nur Kriegsbegeisterung habe sie nicht erlebt.

Anfangs umgaben sich die Soldaten mit dem Nimbus von Helden. Herta erinnert sich, dass sie einmal die Zudringlichkeit eines deutschen Soldaten anprangerte, worauf man ihr ins Gesicht sagte: „Stell dich nicht so an, schließlich kämpfen die Soldaten für dich.“ Da habe sie erwidert: „Für mich nicht, ich habe keinen in den Krieg geschickt.“

Wenige Tage vor Kriegsausbruch: Herta Belz (links) auf Klassenfahrt am Rhein. Rechts neben ihr die Freundin Ilse Keim, die die Bombennacht am 22. Oktober 1943 nicht überlebte. Foto: privat/nh

Herta arbeitete inzwischen als Kontoristin beim Panzer- und Waggonbauer Wegmann. Am Tag der Kasseler Bombennacht, am 22. Oktober 1943, sei sie unruhig gewesen und habe – einer inneren Stimme folgend – auf den Besuch ihres Abendsprachkurses in der Kasseler Innenstadt verzichtet. „Ich klebte mit den Ohren am Radiogerät. Ich hatte eine Vorahnung.“ Und dann habe man auch schon die sogenannten Christbäume, an kleinen Fallschirmen befestigte Leuchtfeuer, die die Bomben ankündigten, über Kassel aufglühen sehen. Als der Alarm schrillte, waren die Koffer der Hauptreifs gepackt. Mit Mutter Gertrud und den Geschwistern überstand Herta das Bombardement im Nachbarkeller.

Der Vater kam geschunden und krank aus Russland zurück. Er wurde keine 60 Jahre alt. Herta Belz, die später mit dem kommunistischen Aktivisten Willi Belz verheiratet war, ist Mutter eines Sohnes. Sie sagt: „Wenn ich heute in den Nachrichten von Kriegen und Bombardements höre, dann ist die Erinnerung an die Grauen des Zweiten Weltkriegs wieder ganz nah.“

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