Willi Busch (58) war beim deutsch-deutschen Treffen Kellner im Schlosshotel Wilhelmshöhe

Er servierte Stoph den Kaffee

Servierte Willi Stoph den Kaffee: Namensvetter Willi Busch, der im Schlosshotel Wilhelmshöhe lernte und heute das Gasthaus „Zum Stern“ in Hümme betreibt. Foto:  Siemon

Kassel. Die Sicherheitskräfte hatten nichts dem Zufall überlassen. Schon gar nicht im Schlosshotel Wilhelmshöhe. Hier herrschte schon Tage vor dem deutsch-deutschen Gipfeltreffen der Ausnahmezustand. „Wir mussten vorher alle einen Fragebogen ausfüllen und wurden sicherlich auch sonst überprüft“, sagt Willi Busch (58). Der Wirt der Traditionsgaststätte „Zum Stern“ in Hümme (Hofgeismar) war damals Auszubildender im Schlosshotel.

Wer vom Personal Verwandte in der DDR hatte, durfte im Schlosshotel nicht mit dabei sein. Zu groß war die Angst, dass da noch jemand eine Rechnung mit dem DDR-Regime offen haben könnte. So wie einer der Vorgesetzten von Willi Busch, der aus Appolda (Thüringen) stammte und im Sprachgebrauch Deutschland-Ost ein Republikflüchtling war. Damit fiel der beste Kenner der Bestände im Weinkeller aus. Dafür holte der politisch unbedenkliche Auszubildende den Nachschub. Der hatte ein Namensschild an der Brust, das vom Bundeskriminalamt abgestempelt war. „Ich musste jedes Mal an mehreren Sicherheitskräften vorbei, die uns auf Schritt und Tritt kontrollierten“, erinnert sich Willi Busch.

Hotel fein herausgeputzt

Für das Gipfeltreffen wurde nicht nur das Hotel herausgeputzt. Bereits Wochen zuvor waren Kolonnen des städtischen Bauhofs unterwegs, die Schlaglöcher auf der Wilhelmshöher Allee ausbesserten.

Die Hotelküche musste das Menu, das es zum Mittagessen geben sollte, im Vorfeld schon einmal Probe kochen. Die Testesser waren Sicherheitskräfte. Willi Busch hat eine Original-Speisekarte von damals aufgehoben. Es gab Stangenspargel in Sauce Vinaigrette mit Neuenahrer Rindfleisch als Vorspeise, danach eine klare Hühnerbrühe. Hauptgericht war ein gespickter Rehrücken mit Rahmtunke, Pfifferlingen, Staudensellerie und Spätzle. Zum Nachtisch gab es frische Erdbeeren mit Schlagsahne. Dass im Schlosshotel prominente Gäste logierten, war nicht ungewöhnlich, sagt Willi Busch. An Udo Jürgens erinnert er sich („ein sehr angenehmer Gast ohne Starallüren“), an den damals als Showmaster bekannten Lou van Burg und an die Jacob-Sisters mit ihren Pudeln. Einer der Hunde habe das Tischbein im Speiseraum mit einem Baum verwechselt. „Als Stift musste man die Lache wegwischen und dabei ein freundliches Gesicht machen“, sagt Willi Busch.

Hände hinterm Rücken

Das Treffen zwischen Willy Brandt und Willi Stoph war für ihn der Höhepunkt der beruflichen Laufbahn. In einer Verhandlungspause am Nachmittag hat er Stoph eine Tasse Kaffee gebracht. Meistens stand er wie seine Kollegen dezent im Hintergrund, die Hände hinter dem Rücken.

Immer wieder wanderte der Blick zu dem üppigen Buffet, von dem sich kaum jemand etwas nahm. „Als der ganze Spuk vorbei war“, sagt Willi Busch, „haben wir Kellner uns bedient.“ • Willi Busch betreibt das Gasthaus „Zum Stern“ (Hümme) in siebter Generation. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und ist seit einem Jahr Großvater.

Von Thomas Siemon

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