„Der Umgangston war noch nie so schlecht“

Sexismus-Streit im Parlament: Haben es junge Frauen schwerer als Männer?

Der Ton im Stadtparlament Kassel ist rauer geworden: Das sagen mehrere Stadtverordnete, die seit Beginn der Pandemie in der Stadthalle tagen. Manche beklagen auch einen Konflikt der Geschlechter und Generationen.
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Der Ton im Stadtparlament Kassel ist rauer geworden: Das sagen mehrere Stadtverordnete, die seit Beginn der Pandemie in der Stadthalle tagen. Manche beklagen auch einen Konflikt der Geschlechter und Generationen.

Junge weibliche Stadtverordnete beschweren sich in Kassel über Zwischenrufe von Männern. Ältere Herren sehen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt. Hat das Parlament ein Sexismus-Problem?

Kassel – Luisa Sümmermann ist erst seit April Stadtverordnete in Kassel, aber eines hat die Linken-Politikerin für sich schon gelernt: „Im Stadtparlament herrscht eine unschöne Gesprächskultur.“ Die 37-Jährige hat den Eindruck, „dass vor allem ältere konservative Herren von SPD und CDU reinrufen – und zwar vor allem dann, wenn gerade jüngere Frauen reden.“ Hat das Stadtparlament ein Sexismus-Problem?

Darum ging es auch in der jüngsten Sitzung, als sich Sümmermann bei der Diskussion der Tagesordnung über Zwischenrufe von „älteren Männern“ beschwerte. Die hatten moniert, dass sich die Neue im Stadtparlament inhaltlich zu einem Streit um ein Bauprojekt in Wilhelmshöhe äußerte. Laut Hessischer Gemeindeordnung ist das an der Stelle nicht erlaubt. Sie hatte einen Anfängerfehler gemacht.

Sexismus im Stadtparlament Kassel? - „Wir haben noch keine Gleichberechtigung“

Ihr Vorwurf bleibt jedoch bestehen. „Natürlich gibt es auch im Stadtparlament Sexismus“, sagt die Sozialwissenschaftlerin: „Wir haben noch keine Gleichberechtigung. Viele haben alte Rollenbilder verinnerlicht.“ Männer hätten eher gelernt, dominant aufzutreten. Frauen seien hingegen so erzogen worden, dass man andere nicht durch Zwischenrufe unterbricht.

In der Sitzung vor zwei Wochen erntete Sümmermann sofort heftigen Widerspruch. Einige Anwesende wollen das Wort „Zicke“ gehört haben. Besonders laut protestierte CDU-Fraktionschef Michael von Rüden. Auch heute regt sich der 71-Jährige noch auf über den Vorwurf Sümmermanns: „Das ist ein schwerwiegender Anschlag auf die Meinungsfreiheit und die Freiheit des Denkens.“ Zwischenrufe gehörten zur parlamentarischen Kultur.

Sexismus-Vorwurf: „Ungewohnt, was für eine rauer Ton im Stadtparlament herrscht“

Das sieht auch Sümmermann so. Sie wundert sich daher, dass einige reagierten, „als wollte ich die Demokratie abschaffen“. Und sie hat registriert, dass einige jüngere Frauen später zu ihr gekommen seien: „Sie meinten, es sei gut, dass ich das gesagt habe.“

Jüngste Stadtverordnete ist die Sozialdemokratin Nuria Perez Rivaz. Auch für die 20-Jährige ist es „ungewohnt, was für ein rauer Ton im Stadtparlament herrscht“. Die Studentin wünscht sich „etwas mehr Verständnis gerade für jüngere Frauen.“

Stadtparlament Kassel: Konflikt zwischen Generationen und Geschlechtern?

Womöglich scheint es tatsächlich einen Konflikt zwischen den Generationen und Geschlechtern zu geben. Der SPD-Stadtverordnete Volker Zeidler war einer der Zwischenrufer. Der 69-Jährige versichert, dass er das bei einem Mann genauso gemacht hätte. Der ehemalige Stadtverordnetenvorsteher findet, dass manche junge Frauen sich bei „jeder Gelegenheit auf den Schlips getreten fühlen“. Er hat den Eindruck, dass sich manche wünschten, „wir älteren Männer sollten mal ein bisschen zurücktreten“. Zudem hat Zeidler festgestellt: „Der Umgangston war noch nie so schlecht wie jetzt.“

Einer, der dazu auch etwas sagen kann, ist Zeidlers Parteikollege Wolfgang Decker. Der 65-Jährige aus Wolfsanger gehörte 13 Jahre dem „härtesten Parlament Deutschlands“ an. So nennt der SPD-Mann den Hessischen Landtag, aus dem er gerade ausgeschieden ist und das für seinen mitunter rüden Umgangston berüchtigt ist. Decker findet ebenfalls, dass es in der Stadtverordnetenversammlung rauer geworden ist. Auch darum sagt er: „Den Spruch mit den alten weißen Männern kenne ich schon. Den nimmt man hin.“

Stadtparlament Kassel: „Diskriminierende Sprache wird nicht einfach hingenommen“

Die seit April amtierende Stadtverordnetenvorsteherin Martina van den Hövel-Hanemann (Grüne) bestritt bereits in der Sitzung vor zwei Wochen, dass es im Stadtparlament Sexismus gebe. In der Debatte sieht sie trotzdem eine Chance, wie sie nun sagt: „Dass Kommunikation aufmerksamer wahrgenommen und diskriminierende Sprache nicht einfach hingenommen wird, unterstützt unser Bemühen, einen sachlichen Diskurs zu führen.“

Sümmermann derweil hofft, dass „sich die alten Hasen bei CDU und SPD öfter mal zurückhalten – oder wir Frauen müssen auch öfter reinrufen.“ (Matthias Lohr)

Das Stadtparlament hatte sich nach der Kommunalwahl Hessen im März 2021 neu konstituiert - sie sind in das Kasseler Stadtparlament eingezogen. Auch an der Uni Kassel gab es einen Streit um das Gendern.

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