Interview mit Junior-Professorin Alexandra Retkowski

Praxismesse für Pädagogen: „Sexualität verunsichert viele Lehrer“

+
Vorbeugung vor sexueller Gewalt in Schulen: Lehrer sollten selbstbewusst mit dem Thema umgehen.

Kassel. Am Dienstag, 17. Juni, findet ab 13 Uhr auf dem Campus Holländischer Platz die alljährliche Praxismesse des Instituts für Sozialwesen statt. Eine Vielzahl sozialer Einrichtungen aus der Region präsentiert sich dort. Ziel ist der Austausch zwischen Praktikern, Studenten und Wissenschaftlern.

Zur Messe leitet die Junior-Professorin Dr. Alexandra Retkowski eine Diskussionsrunde zum Thema „Let’s talk about sex“. Wir sprachen mit ihr darüber, was sich dahinter verbirgt.

Sie wollen mit Sozialarbeitern und Lehrern ins Gespräch über Sex kommen. Warum? 

Dr. Alexandra Retkowski: Mit dem reißerisch wirkenden Titel der Veranstaltung will ich bei den Sozialarbeitern und Pädagogen aus der Praxis, aber auch bei Studenten, Aufmerksamkeit für den Schwerpunkt meiner Arbeit wecken. Ich beschäftige mich mit Fragen zur sexualisierten Gewalt in Schulen und Sozialeinrichtungen.

Was wollen Sie genau vermitteln? 

Retkowski: In meiner Arbeit geht es zum einen um das richtige Verhalten bei Vorfällen und Verdachtsfällen sexualisierter Gewalt und deren Wahrnehmung. Aber neben der Auseinandersetzung mit den Handlungsleitlinien, die den Opferschutz, die Dokumentationspflicht und die Information des Trägers beinhalten, ist es mir besonders wichtig, die Reflexionsfähigkeit von Lehrern und Sozialarbeitern zu stärken. Mein Ansatzpunkt ist dabei ein ethischer. Das bedeutet, dass wir die möglichen Loyalitätskonflikte und moralischen Schwierigkeiten diskutieren, die entstehen, wenn sich ein Verdacht gegen einen langjährigen Kollegen richtet oder auch gegen Vorgesetzte. Außerdem müssen sich pädagogische Fachkräfte mit den eigenen sexuellen Moralvorstellungen auseinandersetzen.

Aber gibt es nach der Aufdeckung einiger Vorfälle von sexueller Gewalt in Schulen und Sozialeinrichtungen nicht bereits eine hohe Sensibilität für das Thema? 

Retkowski: Viele Einrichtungen haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt und Verhaltensrichtlinien entwickelt. Also es gibt durchaus eine hohe Sensibilität für das Thema, aber dennoch nach wie vor eine große Verunsicherung. Gerade auch unter männlichen Pädagogen. Deshalb ist es sehr wichtig, in die Qualifizierung und Persönlichkeitsentwicklung von allen Pädagogen zu investieren. Ziel ist ein kompetenter und selbstbewusster Umgang mit dem Nähe- und Distanzverhältnis.

Wie geht man kompetent und selbstbewusst mit Sexualität um? 

Retkowski: Zum Beispiel indem man nicht nur die negativen Aspekte von Sexualität in den Vordergrund stellt oder immer nur im Zusammenhang mit sexueller Gewalt darüber spricht. So sollten etwa Lehrer und Sozialarbeiter auch positiv über Sexualität sprechen können, wenn Schüler Fragen zum Thema an sie haben. Sexualität darf Kindern keine Angst machen. Dies muss bei der Aus- und Fortbildung von Pädagogen vermittelt werden.

Die Praxismesse findet morgen, Dienstag, ab 13 Uhr unter den Arkaden der Nora-Platiel-Straße am Campus Holländischer Platz statt. Die Diskussionsveranstaltung mit Dr. Retkowski beginnt um 16.15 Uhr im Raum 1215, Arnold-Bode-Str. 10.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.