Debatte um Ehrendoktorwürde des Reformpädagogen

Missbrauchsexpertin über Kasseler Ehrendoktor Hartmut von Hentig: „Sexuelle Gewalt konsequent ausgeblendet“

Unser Bild zeigt das Gelände der Odenwaldschule in Heppenheim, die 2015 aufgelöst wurde. Davon einen Stein mit der Aufschrift: „Recht auf gewaltfreie Erziehung“.
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Ort massenhaften Missbrauchs: Unser Bild zeigt das Gelände der Odenwaldschule in Heppenheim, die 2015 aufgelöst wurde. Hartmut von Hentig war der langjährige Freund und Gefährte des früheren Schulleiters Gerold Becker, einem der Hauptbeschuldigten der Missbrauchsfälle.

Die Uni Kassel will erstmals einem ihrer Ehrendoktoren den Titel entziehen: dem Reformpädagogen Hartmut von Hentig. Dafür hat die Hochschule bisher viel Widerspruch geerntet. Nun meldet sich erstmals öffentlich eine Befürworterin zu Wort.

Zahlreiche Wissenschaftler, die das Werk des Reformpädagogen seit Jahrzehnten schätzen, haben die Hochschule für die Aberkennung kritisiert. Von Hentig selbst hat Widerspruch gegen das Verfahren eingelegt. Wie berichtet, begründet die Uni den Entzug damit, dass von Hentigs Äußerungen zu den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule ein „erhebliches wissenschaftliches Fehlverhalten“ bedeuteten.

Wir sprachen mit Alexandra Retkowski, die bis 2018 in Kassel Juniorprofessorin für sexuelle Gewalt in Schule und sozialer Arbeit war. Sie lehrt heute in Cottbus.

Verfolgen Sie die Debatte in Kassel?
Ich habe in meiner Zeit in Kassel die Anfänge der Diskussion über die Ehrendoktorwürde von Hentigs im Fachbereich Humanwissenschaften noch mitbekommen. An dem Votum für die Aberkennung war ich zwar nicht mehr beteiligt. Aber ich hätte auch für den Entzug der Ehrendoktorwürde gestimmt. Insofern unterstütze ich das Verfahren voll und ganz.
Warum?
Sicher sind die Reformen im Schulwesen in Deutschland, die von Hentig mit angestoßen hat, sehr wichtig gewesen. Aber es ist auch festzuhalten, dass er die Frage der sexuellen Gewalt durch Pädagogen konsequent ausgeblendet hat in seinem Werk. Stattdessen findet man in seiner Autobiografie von 2016 eine Bagatellisierung sexueller Gewalt und die Umkehrung der Verantwortung dafür. Damit verstößt er eindeutig gegen professionelle Standards der Pädagogik – und im Übrigen auch gegen die von ihm selbst gesetzten Maßstäbe dafür, was einen guten Lehrer ausmacht.
Bislang sind vor allem kritische Stimmen gegen die Aberkennung laut geworden. War dieser Widerspruch zu erwarten?
Es ist ein kontroverses Thema. Das war sicher allen Beteiligten von vornherein klar. Es gibt starke Fürsprecher für Hartmut von Hentig, aber eben auch kritische Positionen. Unter anderem hat die Interessengemeinschaft „Frostschutz“, in der sich Opfer der Odenwaldschule organisiert haben, die Aberkennung der Ehrenpromotion gefordert. Ich halte es für sehr wichtig, dass in die Debatte alle Stimmen einfließen – auch die der Betroffenen. Dass sie sich bislang nicht zu Wort gemeldet haben, mag auch daran liegen, dass die Angst groß ist, wieder ohnmächtig zurückzubleiben.
Was löst die Diskussion um das Thema bei Betroffenen aus?
Wie genau sie auf die Betroffenen wirkt, kann ich nur mutmaßen. Grundsätzlich begrüßen die Betroffenenverbände aber die mediale Berichterstattung zum Thema sexuelle Gewalt und auch die Auseinandersetzung der Uni Kassel mit von Hentigs Ehrendoktorwürde. Für die Aufarbeitung der Missbrauchsskandale haben die Medien eine wichtige Rolle gespielt. Gleichwohl stellt jede Debatte für die Betroffenen auch eine Belastung dar. Sie kann unter Umständen sogar zu einer Retraumatisierung führen.
Wieso?
Die Frage ist, wer in solchen Debatten zu Wort kommt Für Betroffene und die Verarbeitung der traumatisierenden Gewalterlebnisse ist es wichtig, dass sie korrigierende Erfahrungen machen können. Dass sie erleben, dass Dinge anders eingeschätzt werden als damals, als sie nicht gehört wurden. Das zeichnet sich in den Äußerungen Hartmut von Hentigs zur Missbrauchsthematik nicht ab. Das, was er in seinem Werk fordert als Ethos der Lehrer – nämlich zugewandt sein, zuhören und auch selbstkritisch gegenüber den eigenen Stärken und Schwächen sein – all das löst er selbst nicht ein. Vielmehr dienen seine Äußerungen dem Eigenschutz. Für die Betroffenen, die von Hentig schon seinerzeit als anerkannte und der Schule nahe stehende Person wahrgenommen haben, agiert er damit genauso wie damals. Er wendet sich ihren Belangen nicht zu.
Von Hentig stand in enger Beziehung zu Gerold Becker, einem dem Hauptbeschuldigten an der Odenwaldschule. Es mag zwar menschlich schwach sein – aber ist es wissenschaftliches Fehlverhalten, seinen Partner in Schutz zu nehmen?
Selbst wenn man die private Beziehung zu Gerold Becker ausblendet, bleibt es Hartmut von Hentigs großes Defizit, dass er sich mit der Problematik sexueller Gewalt nicht auseinandergesetzt hat. Es gab in der Geschichte der Odenwaldschule immer wieder Fälle sexueller Gewalt, und es gab spätestens seit 1998 sehr begründete Verdachtsmomente und auch Presseberichte darüber. Das als ein der Schule nahe stehender Wissenschaftler nicht als Aufforderung zu sehen, sich dem Thema zu widmen, ist aus meiner Sicht eben nicht nur ein menschliches Versagen.
Inwiefern wiederholen sich in der Debatte um die Ehrendoktorwürde Muster aus den Debatten um sexuellen Missbrauch?
Die Debatte in Kassel ist Teil des Aufarbeitungsprozesses der Missbrauchsfälle, der 2010 begonnen hat. Jetzt tritt die Phase ein, in der die Wissenschaft auf sich selbst guckt und fragt, welche Rolle sie dabei gespielt hat. Welche Rahmenbedingungen setzt die Wissenschaft für die Geschehnisse in der Praxis? Welche Bedingungsfaktoren begünstigen, dass Täter sexuelle Gewalt in pädagogischen Einrichtungen ausüben? Diese Debatte finde ich sehr bedeutsam. Die Uni Kassel geht verantwortungsvoll damit um. Schließlich ist sie eine große Ausbildungsstätte für Lehrkräfte. Deshalb ist es wichtig, herauszufinden, was die künftigen Lehrergenerationen brauchen, um den Schutz der ihnen anvertrauten Kinder zu gewährleisten.
Bei sexuellem Missbrauch geht es immer auch um Machtmissbrauch. In der Debatte um die Ehrendoktorwürde und die Kritik an der Aberkennung bekommt man mitunter den Eindruck, die Wissenschaftlerpersönlichkeit von Hentig sei für die Anhänger seiner Pädagogik unantastbar. Inwiefern ist das problematisch?
Ich weiß, dass Hartmut von Hentig zumindest vonseiten der Betroffenen seit jeher so wahrgenommen wird: als eine sehr einflussreiche und mächtige Figur. Er ist seit den 1960er-Jahren ein enorm exponierter Wissenschaftler der Erziehungswissenschaft und hatte als Reformpädagoge einen großen Einfluss auf die Schulpolitik. Das zusammen ergibt eine problematische Machtkonstellation, die sehr maßgeblich war und nach wie vor ist.
Hartmut von Hentig ist kürzlich 96 Jahre alt geworden. Muss man einem hochbetagten Mann, der ja selbst nicht als Täter im Verdacht steht, das alles noch antun?
Wer 2016 noch eine fast 1400 Seiten dicke Autobiografie schreiben kann, den erlebe ich als sehr wortmächtig. Ich glaube, da ist es auch zumutbar, in die Auseinandersetzung über die Ehrendoktorwürde zu gehen. (Katja Rudolph)

Zur Person

Prof. Dr. Alexandra Retkowski (46) stammt aus Köln und hat Pädagogik, Soziologie und Slawische Philologie an der Universität Göttingen studiert, wo sie auch promovierte. 2008 kam sie an die Uni Kassel, zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin. 2013 wurde sie Juniorprofessorin für „Professionsethik. Sexualität und Macht in Schule und Sozialer Arbeit“. Seit 2019 leitet sie an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg das Fachgebiet „Soziale Dienstleistungen für strukturschwache Regionen“. Retkowski lebt in Cottbus.

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