Sexueller Missbrauch: Junge Kasselerin erzählt ihre Geschichte

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Sexueller Missbrauch in den eigenen vier Wänden: Die meisten Täter kommen aus dem nahen Umfeld der Opfer.

Kassel/Aachen. Bei Vergewaltigung denken die meisten Frauen an nächtliche Überfälle. Die meisten Taten passieren aber im Familien- und Bekanntenkreis der Opfer. Eine junge Frau aus Kassel erzählt ihre Geschichte. Sie hat ihren Onkel wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt - doch die zuständige Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein.

Vier Jahre hat Franziska M. (Name geändert) gebraucht, bis sie sich im vergangenen November dazu überwand, ihren Onkel anzuzeigen. Ihr Freund, mit dem sie in Kassel zusammenlebt, hatte sie zu dem Schritt ermutigt. Vier Jahre hatten die Familie und auch die heute 19-Jährige selbst versucht, die Augen zu verschließen vor dem, was damals passierte.

Zu dem Übergriff sei es bei einem Besuch bei der Oma in Würselen bei Aachen gekommen, erzählt die junge Frau, die aus der Nähe von Mönchengladbach stammt. Ihr Onkel, damals Anfang 40 und in einer Umschulung zum Physiotherapeuten, habe sie gefragt, ob er eine Behandlung der verschiedenen Muskeln an ihr üben dürfe. Sie habe sich nichts dabei gedacht – auch nicht als er sie aufforderte, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Bis zu diesem Tag hatte die damals 15-Jährige auch ein gutes Verhältnis zum Mann ihrer Tante.

„Ich dachte: Du bist selbst schuld, du hast ja nicht Nein gesagt.“

An den Füßen habe er angefangen, sie zu massieren und sich immer weiter hochgearbeitet. Als er an den Oberschenkeln ankam, habe sie sich verkrampft, erinnert sich Franziska M. „Mach dich mal locker“, habe ihr Onkel gesagt. Sie habe versucht, sich zusammenzureißen. „Schließlich hatte er mich ja gefragt, ob er das an mir üben darf.“

Dann sei er mit dem Finger in sie eingedrungen. „Ich habe angefangen zu heulen“, erinnert sich die junge Frau, die bei ihrer Erzählung gefasst wirkt. Geschrien oder ihn weggestoßen habe sie nicht. Er habe sie dann gefragt, ob die Berührung sie anmache. „Ich habe Nein gesagt, aber er hat nicht aufgehört. Als er noch mal gefragt hat, habe ich Ja gesagt, weil ich dachte, vielleicht hört er dann auf.“ Irgendwann habe er sie dann auch in Ruhe gelassen und ihr 50 Euro zugesteckt.

Wunsch nach Gerechtigkeit

„Da habe ich mich gefühlt wie eine Schlampe.“ Erst später habe sie gemerkt, dass das, was ihr Onkel getan hatte, nicht richtig war. Sie habe sich ihrer Schwester anvertraut. „Die hat gesagt: Das wollte er bei mir auch schon, aber ich habe Nein gesagt.“ Daraufhin habe sie sich selbst die Schuld an dem Vorfall gegeben - schließlich habe sie ihren Onkel ja nicht aufgefordert aufzuhören. Auch der Mutter erzählt sie die Geschichte. Sie habe ihr angeboten, gemeinsam den Onkel zur Rede zu stellen. „Aber das wollte ich nicht, ich wollte ihn nicht sehen.“ Die Mutter habe dann gar nichts unternommen.

Wenig später kommt es zum Bruch mit der Familie, die ebenfalls aus der Nähe von Aachen stammt. Franziska zieht aus, nach Kassel zu einer Tante. Sie schwänzt die Schule, erzählt ihren Freunden Lügengeschichten über eine tolle Vergangenheit als Model, nimmt Drogen und entwickelt eine Essstörung. „Alles ist den Bach runtergegangen“, erzählt die heute 19-Jährige, die in Kassel gerade ihr Fachabitur nachholt.

Erst bei einem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik habe sie erkannt, „dass alles mit der Vergewaltigung zusammenhängt“. Zusammen mit ihrem Freund fasst sie den Beschluss, den Onkel anzuzeigen. Doch das Verfahren wird eingestellt. „Ich fühle mich von der Justiz im Stich gelassen“, sagt Franziska M. Sie will, dass ihr Onkel endlich bestraft wird.

Von Katja Rudolph

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