Sechste Strafkammer: Mordmerkmal des niedrigen Beweggrunds ist nicht erfüllt gewesen

„Sie war äußerst kontrolliert“

Kassel. Dass eine Frau eine Schwangerschaft bis zum Ende verheimlichen kann, löst in der Bevölkerung Erstaunen aus. Es sei jedoch ein Phänomen, das immer wieder vorkomme, sagte am Freitag Volker Mütze, der Vorsitzende Richter der Sechsten Strafkammer des Kasseler Landgerichts, in der Urteilsbegründung.

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Urteil stößt auf gemischte Gefühle

Die 22-jährige Frau aus Fuldabrück, die zu neun Jahren Gefängnis wegen Totschlags verurteilt worden ist, hat ihre Schwangerschaft auch verheimlicht. Vor ihrem Freund und vor ihren Eltern. Dass sie auf einen „Überraschungseffekt“ - quasi auf einen günstigen Zeitpunkt - gesetzt habe, um ihre Angehörigen von der erneuten Schwangerschaft zu unterrichten, diese Aussage nahm das Gericht der Frau nicht ab.

„Überraschungseffekt“ Als ihr Freund sie darauf angesprochen, die Mutter sie zu einem Besuch beim Gynäkologen gedrängt habe, sei der Überraschungseffekt hinfällig gewesen, sagte Mütze. Spätestens an dem Morgen, als sie mit Schmerzen erwachte und die Wehen einsetzten, hätte sich die Frau ihrer Mutter anvertrauen müssen. Das habe sie aber nicht getan, sie habe das Alleinsein selbst provoziert. Sie habe sich bewusst in die Situation gebracht, ihr Kind ohne Hilfe auf der Toilette zur Welt zu bringen.

Nach der Geburt sei sie „äußerst kontrolliert“ vorgegangen, habe versucht, alle Spuren zu beseitigen. Auch in der Koch-Klinik habe sie erst auf Nachfragen eingeräumt, dass sie ein Kind geboren habe und dem Arzt dann mitgeteilt, dass sie das Baby in einer Tasche hinter einem Schrank versteckt habe. Von der ursprünglichen Mordanklage hatte bereits die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer vergangene Woche Abstand genommen.

Die Strafkammer sah das genauso. Das Mordmerkmal des niedrigen Beweggrunds sah das Gericht als nicht erfüllt. Für die Kammer kam aber auch keine Verurteilung wegen Totschlags in einem minder schweren Fall in Frage, wie es die Verteidigung beantragt hatte. Die besonderen Umstände einer Geburt führten nicht automatisch dazu, dass es sich immer um einen minder schweren Fall handele, wenn eine Mutter ihr Baby tötet, sagte Mütze.

Es komme immer auf den Einzelfall an. Ein Wort hätte gereicht Und bei der 22-Jährigen aus Fuldabrück handele es sich nicht um einen minder schweren Fall, wenn man die Gesamtumstände betrachte. Die Frau hätte nur ein Wort zu ihren Eltern sagen müssen und ihre Probleme wären lösbar gewesen.

„Das wollte sie aber nicht“, sagte der Richter. Mit Blick auf das jugendliche Alter der Frau, ihre geständige Einlassung und ihre andere Tochter entschied sich das Gericht für ein Strafmaß im mittleren Bereich (fünf bis 15 Jahre sind bei Totschlag möglich). Oberstaatsanwältin Andrea Boesken sagte, dass sie das Urteil für Tat und Schuld angemessen halte. Verteidiger Dieter Reinemann erklärte, er überlege noch, ob er Revision einlege. Vorerst zeigte er sich zufrieden: „Hauptsache Totschlag. Das ist das Wichtigste.“

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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