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Stadtführerin hat 200.000 Menschen Kassel gezeigt

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Sie führt seit 45 Jahre durch die Stadt: Jutta Diehl ist Kassels dienstälteste Stadtführerin. Hin und wieder kommt sie dabei auch an der Orangerie in der Karlsaue vorbei.
Sie führt seit 45 Jahre durch die Stadt: Jutta Diehl ist Kassels dienstälteste Stadtführerin. Hin und wieder kommt sie dabei auch an der Orangerie in der Karlsaue vorbei. © Andreas Fischer

Jutta Diehl bietet seit 45 Jahren Stadtführungen in Kassel an.

Kassel – Es gibt eine Sache, die Jutta Diehl richtig aufregt. Wenn Menschen, die in Kassel leben, schlecht über ihre Stadt sprechen. „Dann sage ich zu denen immer: Was kennen Sie von Kassel? Meist kommt dann nur: die Königsstraße.“ Mit solch einer Antwort kann sich Jutta Diehl nicht zufriedengeben. Sie erzählt den Nörglern dann erst mal, was Kassel alles zu bieten hat:

die vielen Grünflächen und Museen, das Weltkulturerbe und das Weltdokumentenerbe.

Jutta Diehl kennt sich mit den Attraktionen in der Stadt aus. Schließlich ist sie seit 45 Jahren Gästeführerin in der Stadt. Die 78-jährige Frau ist damit die dienstälteste Stadtführerin Kassels. Ihr Lebensgefährte, der 2021 gestorben ist, habe mal ausgerechnet, dass sie seit 1978 rund 200 000 Menschen durch Kassel geführt hat, erzählt Diehl.

Weil sie mehr Zeit für die Betreuung ihres kleinen Sohnes benötigte, hatte die Bankangestellte Jutta Diehl vor mehr als vier Jahrzehnten zuvor ihre Stelle als Chefsekretärin bei der Eisenbahn-Spar- und Darlehenskasse (heute Sparda-Bank) aufgegeben. Von einer Bekannten hatte sie erfahren, dass das Verkehrs- und Wirtschaftsamt im Rathaus Gästeführer benötigte. Sie bewarb sich und wurde eine von insgesamt vier Gästeführerinnen in Kassel. „Davon bin ich die einzige, die ohne Unterbrechung bis heute als Gästeführerin tätig ist.“

Ihren ersten Job bekam sie schneller als gedacht. Das war Pfingstmontag 1978 bei einer Stadtrundfahrt. Vorbereitet hatte sich Jutta Diehl mit der Lektüre von Kassel-Büchern, fühlte sich aber noch nicht ganz sicher. Der Bus war voll, erzählt sie. Zur moralischen Unterstützung nahm sie damals ihren Mann und ihren Sohn mit. Die waren von ihren Erzählungen angetan und ermutigten sie, weiterzumachen.

In den nächsten Jahren führte Jutta Diehl aber nicht nur Touristen durch die Stadt, sondern sie warb auch auf Messen und Werbeveranstaltungen in ganz Deutschland für die Bundesgartenschau. Als diese 1981 in Kassel stattfand, wurde Jutta Diehl Chefhostess. Sie bildete damals 25 Hostessen aus, teilte die Dienste ein und übernahm auch selbst Führungen, wenn das erforderlich war.

Als Jutta Diehl vor 45 Jahren mit den Führungen begann, gab es nur eine Stadtrundfahrt im Bus im Programm. Das hat sich bis heute gewaltig geändert. „Wir haben heute über 40 Gästeführer, die über 40 Themenführungen anbieten.“ Darunter auch zu den Wasserspielen im Bergpark Wilhelmshöhe. Diese Führung hat Diehl im Jahr 1988 zusammen mit der Verwaltung Staatlicher Schlösser und Gärten (heute Museumslandschaft Hessen Kassel) entwickelt. Die Führungen an den Wasserspielen macht sie heute noch gern. Allerdings mittlerweile nur noch auf Schlossebene am Fontänenteich, um ihre Knie zu schonen. Die Kaskaden will die 78-Jährige, die zwei Mal in der Woche Tennis spielt und gerne tanzt, nicht mehr hoch- und runterlaufen.

In ihrem Repertoire hat Diehl, die die gute Zusammenarbeit mit Kassel Marketing betont, noch 14 Führungen. Besonders gern geht sie durch die Grimmwelt, führt die Gäste von documenta-Außenkunstwerk zu documenta-Außenkunstwerk oder macht mit ihnen historische Spaziergänge durch die Innenstadt. Sie mag aber auch nach wie vor die klassischen Rundfahrten im Bus mit Ausstieg am Herkules. Und sie hat große Freude daran, Schulklassen zu führen.

Vor 15 Jahren war sie mit einer Klasse am Herkules unterwegs und hatte den Kindern erzählt, dass Landgraf Karl Kassels Wahrzeichen hat bauen lassen. Es kommt immer wieder vor, dass Diehl ihren Gästen Fragen stellt, nachdem sie ihnen soviel berichtet hat. Von einem Viertklässler wollte sie wissen, wer den Herkules in Auftrag gegeben hat. Der Junge hatte offenbar nicht richtig zugehört und schaute sich verzweifelt um. Dann habe er eines der vielen Bauschilder, die auch damals am Herkules standen, entdeckt und ihr geantwortet. „Der Bauherr vom Herkules war die Firma Fröhlich, hat der Junge zu mir gesagt“, erzählt Diehl. Diese Anekdote amüsiert sie heute noch wie vor 15 Jahren.

Da sie gern mit Menschen zusammen ist, sei die Gästeführung für sie „Lebenselixier“, eine sinnvolle und schöne Aufgabe, sagt Diehl. Besonders freut sie sich immer darüber, wenn die Menschen nach einer Führung über die Schönheit und die vielen Sehenswürdigkeiten in Kassel so überrascht sind.

Als Gästeführerin müsse man auch ein gutes Gespür für Menschen und Fingerspitzengefühl haben. Wenn sie einen Geschichtsverein führe, dann erzähle sie andere Dinge als bei einem Kegelklub. „Ein Geschichtsverein braucht nicht so viele Anekdoten, ein Kegelverein mag es locker und lustig.“ (Ulrike Pflüger-Scherb)

In Uniform und Kostüm: Bei der Bundesgartenschau 1981 in Kassel war Jutta Diehl Chefhostess (links). Sie bot aber auch Stadtführungen im Kostüm an. REPROS: ANDREAS FISCHER
In Uniform und Kostüm: Bei der Bundesgartenschau 1981 in Kassel war Jutta Diehl Chefhostess (links). Sie bot aber auch Stadtführungen im Kostüm an. REPROS: ANDREAS FISCHER © Privat/nh

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