Auszeichnung im Kasseler Polizeipräsidium

Sie stellten Einbrecher, Dealer und Schläger: 14 Nordhessen und ihre Geschichten

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Verleihung der Kasseler Polizeimedaille: Unser Bild zeigt (von links) Polizeipräsident Konrad Stelzenbach, Melina Menger, Jonathan Kölbel, Anna Frey, Oberbürgermeister Christian Geselle, Melina Momberg, Geronimo Kolks, Özlem Akyüz, Albert Drachenberg und Justizministerin Eva Kühne-Hörmann

Kassel. Sie stellten Einbrecher, Dealer und Schläger: 14 mutige Helfer aus Nordhessen wurden am Dienstagabend im Polizeipräsidium ausgezeichnet. Wir erzählen die Geschichten.

Lärm hatte ihn aufgeschreckt. Als der 28-jährige Geronimo Kolks aus Kassel am 27. Mai vergangenen Jahres aus seinem Fenster schaute, sah er eine Auseinandersetzung auf der Straße: Zwei Männer stritten heftig auf dem Parkplatz eines Supermarktes.

Im Lauf des Streits schlug ein Mann auf den mittlerweile am Boden liegenden Kontrahenten. Dabei trat er ihn auch gegen den Kopf. Kolks alarmierte die Polizei, eilte sofort nach draußen und sprach eine Gruppe Frauen an, sich um den Verletzten zu kümmerten. Er selbst nahm die Verfolgung des Täters auf. Der Polizei teilte Kolks ständig den aktuellen Standort des Tatverdächtigen mit.

Eine Funkstreife konnte den Mann, der sich nun wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten muss, schließlich festnehmen.

Geronimo Kolks ist einer von 14 Menschen, die gestern Abend im Polizeipräsidium Nordhessen mit der Kasseler Polizeimedaille ausgezeichnet worden ist. Diese couragierten Bürger im Alter von zwölf bis 79 Jahren aus Kassel (5), Witzenhausen (3), Eschwege (3), Lohfelden (1), Schauenburg (1) und Bad Wildungen (1) nahmen die Ehrung aus den Händen von Polizeipräsident Konrad Stelzenbach, der hessi-schen Justizministerin Eva Kühne-Hörmann und dem Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle entgegen.

Diese Personen hätten hingesehen, wo andere weggesehen hätten und untätig geblieben seien, sagte Stelzenbach. „Sie sind bei Straftaten besonnen eingeschritten, haben mit wichtigen Hinweisen oder Beiträgen bei Täterfestnahmen geholfen oder die Aufklärungsarbeit der Polizei in anderer Form unterstützt.“ Heute scheine es manchmal so, als sei sich jeder nur selbst der Nächste. Diese Menschen hätten aber durch ihr Handeln gezeigt, dass es auch noch anders gehe, so Stelzenbach. „Wer Zivilcourage bei beobachteten Straftaten zeigt und seinen Möglichkeiten entsprechend besonnen handelt, verdient unseren Respekt und unsere Anerkennung.“

Auszeichnung für FFH

Darüber hinaus hat der Verein Bürger und Polizei erstmals eine „Kasseler Polizeimedaille Spezial“ an eine Institution vergeben, an den Radiosender FFH. Mit dem Preis wolle man die „hervorragende Unterstützung der polizeilichen Verkehrssicherheitsarbeit und der Verkehrsunfallprävention“ des Senders würdigen.

Er stellte einen Einbrecher 

Albert Drachenberg aus Bettenhausen verfolgte Tatverdächtigen und überwältigte ihn

Er stellte einen Einbrecher: Albert Drachenberg verfolgte den Täter und hielt diesen am Kreisel der Straße Unter dem Steinbruch fest.

Als Albert Drachenberg am 22. Mai 2017 gegen 11 Uhr mit seiner Frau und den beiden Kindern vom Spaziergang nach Hause kam, ahnte er nicht, dass sich in dem Dreifamilienhaus in Bettenhausen gerade ein Einbrecher befand. Der selbstständige Sachverständige ging wie gewöhnlich in sein Büro, das sich in seinem Haus befindet, während seine Familie im Garten blieb. Kurz darauf alarmierte ihn seine Frau, dass gerade ein Unbekannter aus dem Haus gerannt sei.

Drachenberg überlegte nicht lange: „Mir schoss das Adrenalin in den Kopf und dann bin ich hinterher.“Als der 34-Jährige ins Auto sprang, konnte ihm seine Frau noch sagen, in welche Richtung der Täter auf einem Fahrrad geflüchtet ist. Er konnte den Einbrecher einholen und ihm mit seinem Wagen den Weg abschneiden, als dieser versuchte, den Kreisverkehr am Ende der Straße zu überqueren.

Während der Einbrecher erst noch begreifen musste, dass er erwischt und verfolgt worden ist, war Drachenberg schon aus seinem Fahrzeug gestiegen. Obwohl er keine spezielle Kampfsportausbildung hat und auch noch nie etwas Vergleichbares erlebt hatte, überwältigte er den Mann und fixierte ihn auf der Grünfläche am Kreisel. Der völlig überraschte Dieb unternahm keine weiteren Fluchtversuche und konnte schließlich von der dazukommenden Polizei verhaftet werden.

Erst nach der ganzen Aufregung fasste der Familienvater Drachenberg den Gedanken: „Ich wusste ja gar nicht, was mich erwartet. Er hätte ja auch ein Messer dabei haben können.“

Anna Frey blieb Randalierer auf den Fersen

Die 22-jährige Anna Frey aus Kassel beobachtete in den Morgenstunden des Samstags, 17. Dezember 2016, wie ein offenbar alkoholisierter Mann im Bereich der Bismarckstraße im Kasseler Stadtteil Mitte wahllos gegen mehrere geparkte Autos trat und diese dabei erheblich beschädigte.

Die junge Frau verständigte über Notruf die Polizei und blieb dem Randalierer unauffällig auf den Fersen. Durch ihre Standortmeldungen war es den Polizeibeamten kurze Zeit später möglich, den Täter im Akazienweg festzunehmen.

Sie habe den Randalierer verfolgt, weil sie sich in die Lage der Autobesitzer versetzt habe, sagt die 22-Jährige. „Wenn jemand das mit meinem Auto machen würde, wäre ich auch froh, wenn der Täter gefasst würde.“

Sie verfolgten in der Aue einen Autoknacker

Melina Menger (16) aus Lohfelden und Jonathan Kölbel (18) aus Schauenburg waren am 22. September 2017 nachmittags in der Nähe der Aue unterwegs, als sie durch Scheibenklirren auf einen Autoaufbruch aufmerksam wurden. Sie beobachteten, wie ein Mann durch die zerstörte Scheibe eines Jeeps griff und Taschen aus dem Wagen holte.

Als sie ihn festhalten wollten, schubste der Täter Melina weg, riss sich los und drohte sogar damit, ein Messer zu ziehen. Dann flüchtete er. Melina verständigte die Polizei und Jonathan nahm die Verfolgung auf, obwohl der Mann erneut mit seinem Messer drohte. Über die Standortmeldungen gelang es der Polizei, den Täter im Bereich des Küchengrabens festzunehmen. Auch das Diebesgut wurde sichergestellt.

Sie verjagte vier Angreifer

Melina Momberg half einem 15-Jährigen vor der Eissporthalle

Sie verjagte vier Angreifer: Melina Momberg half einem 15-Jährigen, der vor der Eissporthalle attackiert wurde.

Melina Momberg ist eine fröhliche junge Frau, die immer ein Lächeln auf den Lippen trägt. Keinen Spaß versteht sie hingegen, wenn sie Zeugin von Ungerechtigkeit oder gar Brutalität wird. So geschehen am 17. März 2017 gegen 20 Uhr. Die Kasselerin bog an der Eissporthalle gerade um die Ecke, als sie Schreie hörte.

Vier junge Männer hatten vor dem Auestadion einen 15-Jährigen umzingelt, vorrangig um ihn auszurauben. Die selbst erst 17-Jährige sah den Jungen verletzt am Boden liegen, stieß der Gruppe sofort ein energisches „Hey“ entgegen und marschierte entschieden auf sie zu.

Die Männer zeigten sich beeindruckt und ergriffen die Flucht. Auch das Opfer wollte nach der Tat einfach nach Hause gehen. „Dabei war er blutüberströmt,“ berichtet Melina Mombach, „Ich hielt ihn auf und sagte ihm, dass ich jetzt die Polizei und einen Krankenwagen rufe. Für mich stand fest, dass die Sache nicht einfach so erledigt und vergessen sein kann.“

Haupttäter identifiziert

Sie leistete bis zum Eintreffen der Rettungskräfte Erste Hilfe und machte eine Aussage bei der Polizei, bei der sie die Täter detailliert beschreiben konnte. Durch ihren mutigen Einsatz und die Identifizierung des Haupttäters hat sie maßgeblich zur Ergreifung der jungen Männer beigetragen.

Sie beobachtete Drogendeal

Özlem Akyüz trug zur Festnahme von Marihuana-Händlern bei

Sie beobachtete Drogenhandel vor der Hauptpost: Özlem Akyüz rief daraufhin die Polizei.

Ihr sei schnell klar gewesen, dass sie Drogendealer bei der Arbeit beobachtet, sagt Özlem Akyüz aus Kassel. Die 27-jährige Frau wartete mit ihrem kleinen Sohn am 30. Dezember 2016 nachmittags im Auto auf ihren Mann. Der erledigte einen Weg in der Hauptpost in der Unteren Königsstraße.

Währenddessen sah die 27-Jährige, wie Männer auf dem Bürgersteig gerade ein Drogengeschäft abwickelten. „Die gingen hin und her und holten irgendwas aus dem Gebüsch.“ Die junge Mutter rief über Notruf die Polizei und teilte ihre detaillierten Beobachtungen mit.

Durch Zivilkräfte der Operativen Einheit Kassel (OPE) konnten die Täter noch auf frischer Tat festgenommen werden. Bei einem der beiden Männer konnten Marihuana und Bargeld sichergestellt werden. In der benachbarten Grünanlage fanden die Polizeibeamten zudem noch weitere 60 Gramm Rauschgift.

Es sei selbstverständlich, dass sie damals die Polizei gerufen habe, sagt die 27-jährige Einzelhandelskauffrau. Dass sie dafür jetzt mit der Polizeimedaille ausgezeichnet werde, habe sie überrascht. „Es freut mich aber auch.“

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