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Sie wollen den Knochenkrebs bezwingen: Kinderonkologie des Klinikums Kassel entwickelt deutschlandweite Tumorbank

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Von: Anna-Laura Weyh

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Arbeiten an der Tumorbank: Chefärztin Michaela Nathrath (von links) und Oberärztin Nina Kollmar erforschen Gewebeproben von Knochenkrebs-Patienten. Die Holzhauer-Stiftung, vertreten von Peter Vaupel, unterstützt ihre Arbeit.
Arbeiten an der Tumorbank: Chefärztin Michaela Nathrath (von links) und Oberärztin Nina Kollmar erforschen Gewebeproben von Knochenkrebs-Patienten. Die Holzhauer-Stiftung, vertreten von Peter Vaupel, unterstützt ihre Arbeit. © anna weyh

Ein Ärzteteam des Klinikums Kassel entwickelt eine Tumorbank über Osteosarkome, die in ganz Deutschland anwendbar ist.

Kassel – Krebs bei Kindern ist selten, dennoch ist die Erkrankung immer noch die häufigste Todesursache bei den 1- bis 14-Jährigen. Besonders tückisch sind bösartige Knochentumore, auch Osteosarkome genannt. Nach Angaben des Deutschen Kinderkrebsregisters erkranken in Deutschland jährlich etwa 150 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene daran.

Die Behandlung der schnellwachsenden Tumore hat sich in den vergangenen 30 Jahren nicht verändert, die Heilungschancen kaum verbessert, sagt Prof. Dr. Michaela Nathrath, Chefärztin der Kinderonkologie des Klinikums Kassel. Damit sich dies ändert, baut ihr Team eine Tumorbank, eine Sammlung von Tumorgewebe, auf.

Durch die Untersuchung der Gewebeproben will Nathrath neue Ansatzpunkte für eine bessere Behandlung des Knochenkrebses finden. Bei Patienten mit Osteosarkom gibt es etwa 65 Prozent Langzeitüberlebende, sagt die Chefärztin, die seit dem Jahr 2008 am Kasseler Klinikum arbeitet. „Aber nur jeder fünfte Patient überlebt nach einem Rückfall der Krankheit“, sagt sie. Nathrath möchte mit ihrer Arbeitsgruppe die Therapie für Osteosarkom-Patienten grundsätzlich verändern.

Tumorbank in Kassel: Ärzte möchten Chemotherapien bei Knochenkrebs einsparen

Aktuell sei die Chemotherapie der Standardweg. „Aber es gibt auch neue Therapieansätze. In den letzten zehn Jahren wurden viele Medikamente gegen verschiedene Krebsarten entwickelt“, sagt sie. Mit den Erkenntnissen aus der Tumorbank möchte sie Chemotherapien beim Knochenkrebs einsparen, da diese eine große Belastung für die Kinder darstellen und potentiell gravierende Langzeitfolgen mit sich bringen.

Bisher wurden für die Tumorbank bereits 400 Gewebeproben untersucht, 100 weitere sind in Planung. Die sind für die nächsten drei Jahre angesetzt. Die Forschung sei besonders herausfordernd, da es nur wenige Betroffene gebe, der Tumor sehr komplex und die Untersuchungen zeitaufwendig seien.

Etwa vier Wochen dauere es, bis die sogenannte Ganzgenomsequenzierung einer Tumorprobe abgeschlossen sei. Dabei wird das Genom, also die Gesamtheit der Erbinformationen einer Zelle, auf Veränderungen untersucht, die für den Krebs verantwortlich sind. Pro Untersuchung entstehen Kosten zwischen 2000 und 2500 Euro.

Klinikum Kassel: Knochenkrebs-Tumore aus ganz Deutschland in der Tumorbank

Die Forschung im Kasseler Klinikum wird durch die finanzielle Unterstützung der Holzhauer-Stiftung ermöglicht. Mehr als 210 000 Euro hat die Stiftung, die sich für krebskranke Kinder in Nordhessen einsetzt, bereits in die Tumorbank investiert. „Wir greifen ein, wenn niemand sonst da ist“, sagt Vorstandsvorsitzender Peter Vaupel.

Knochenkrebs-Tumore aus ganz Deutschland werden in die Kasseler Tumorbank eingeschlossen. „Grundsätzlich sind auch Kollegen aus Österreich beteiligt“, sagt Nathrath. Die deutschen Arbeiten sind eingebettet in ein EU-weites Forschungsprojekt, das den Knochenkrebs auf mehreren Ebenen erforscht, so die Chefärztin der Kinderonkologie.

Im Anschluss ist eine Studie geplant, aktuell wird dafür gerade die Grundlage geschaffen. Mithilfe der Ergebnisse aus der Tumorbank soll ermittelt werden, welche Medikamente bei vorliegenden genomischen Veränderungen den Tumor angreifen und schlussendlich zerstören. Allerdings sind die Veränderungen bei Osteosarkomen sehr komplex.

Es gibt bei diesem Tumor nicht die eine entscheidende Auffälligkeit, die gefunden werden muss, sagt Nathrath. Vielmehr gehe es darum, das genomische Chaos zu verstehen. „Ziel ist es, insbesondere dem Patienten mit schlechter Prognose einen individuellen Therapievorschlag machen zu können“, sagt die Chefärztin. (Anna-Laura Weyh)

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