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Kreativgruppe Raamwerk: Wie Kassel lebenswerter werden kann

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Von: Matthias Lohr

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Rosarot ist ihr Markenzeichen: Britta Wagemann (von links), Samson Kirschning, Marie-Sophie Kammler und Jero van Nieuwkoop sind das Studio Raamwerk.
Rosarot ist ihr Markenzeichen: Britta Wagemann (von links), Samson Kirschning, Marie-Sophie Kammler und Jero van Nieuwkoop sind das Studio Raamwerk. © Holger Jenss

Kassel hat viele Kreative, aber zu wenig Jobs. Darum ziehen viele junge Leute nach dem Studium weg. Die Gruppe Raamwerk will das ändern - und ist damit erfolgreich.

Kassel – Als Jero van Nieuwkoop 2017 mit dem Studium an der Kunsthochschule fast fertig war und sich entschied, in Kassel zu bleiben, fragte er sich, wieso er mit seinem Entschluss ziemlich allein war. Er beobachtete, „dass viele nach dem Studium aus Kassel wegziehen“. Dies war die Geburtsstunde von Raamwerk.

So nannten der Niederländer sowie seine Mitstreiter Britta Wagemann, Samson Kirschning und Marie-Sophie Kammler ihre Gruppe. Zur damaligen Examensausstellung in der documenta-Halle schufen sie einen Ort der Begegnung. Der aus dem Niederländischen abgeleitete Begriff sollte deutlich machen: „Wir gestalten den Rahmen, in den andere ihre Inhalte einbringen können.“

Mit diesem Konzept sind Raamwerk fünf Jahre später erfolgreicher denn je. Das Studio, wie sich die Gruppe selbst nennt, hat bewiesen, dass man Kassel nicht verlassen muss. Denn die Stadt, sagt van Nieuwkoop, „hat alles, was man braucht – außer Jobs in der Kreativbranche“.

Raamwerk sind keine Agentur, aber vielfältig unterwegs. Das Rosarot, das die Kreativen zu ihrem Markenzeichen gemacht haben, sieht man an vielen Orten. Voriges Jahr starteten sie in einem rosaroten „Raathaus“ auf dem Friedrichsplatz eine Umfrage, wie Kassel schöner werden kann. Unter dem Titel „Kusoku“ (Kunst, Sozial, Kommerz) veranstalten sie kurzweilige Vortragsveranstaltungen. In der Unteren Königsstraße setzten sie für die Stadt einen Verkehrsversuch um. Und auch bei der documenta waren sie dabei.

Kulturdezernentin Susanne Völker schätzt die Formate von Raamwerk: „Mit kreativen und künstlerischen Mitteln werden Begegnungsmöglichkeiten geschaffen, relevante Fragen beleuchtet und so das Miteinander für eine gemeinsam entwickelte Zukunft mitgestaltet.“

Van Nieuwkoop kam 2013 für das Studium der Kunstwissenschaften und Soziologie nach Kassel. Er hätte auch nach Berlin gehen können. Heute ist er froh, in Nordhessen gelandet zu sein. Der 35-Jährige ist Vorsitzender des Kunstvereins und hat mit seinen Kollegen, die Visuelle Kommunikation und Produktdesign studiert haben, ein Büro über der Jugendbücherei am Entenanger bezogen. Insgesamt arbeiten sie zu neunt an Projekten.

Raamwerk finanzieren sich über Aufträge und Fördermittel. „Mittlerweile können wir immer besser davon leben“, sagt van Nieuwkoop. Es hat sich herumgesprochen, dass die Gruppe „Städte lebendiger und lebenswerter machen will“, wie es auf der Webseite heißt. van Nieuwkoop erklärt das Prinzip: „Wir wollen etwas ändern in Kassel. Darum fordern wir die Stadt heraus, ab und zu etwas mutiger zu sein. Wir wollen ihr unter die Arme greifen.“ Daran gibt es allerdings auch Kritik.

Als Raamwerk im August ihren eigenen Verkehrsversuch in der Unteren Königsstraße auswerteten, wurde die „Beteiligungstruppe“ in einem HNA-Kommentar als „gut beschäftigte Hilfskolonne der Stadt“ bezeichnet. Van Nieuwkoop verteidigt das Vorgehen rund um das Projekt, bei dem Autos aus der Unteren Königsstraße verbannt wurden. Man habe alle negativen Stimmen berücksichtigt. Die Umfrage sei vom Fraunhofer-Institut erstellt und ausgewertet worden. Er gibt aber zu: „Wenn man den Verkehrsversuch wirklich objektiv bewerten möchte, hätte ein anderes Institut den Abschlussbericht schreiben müssen.“ Das sei dann aber eine Kostenfrage.

Um Kosten geht es auch bei einem der nächsten Raamwerk-Projekte. „Wir wollen die Arbeitsbedingungen in der Kulturwelt verbessern“, sagt van Nieuwkoop. Die gerade zu Ende gegangene documenta, bei der es unter anderem Kritik an der Bezahlung von Mitarbeitern gab, habe gezeigt, wie dringend das Thema sei: „Auch dort wurde auf toxische Weise mit menschlichen Ressourcen umgegangen.“

Van Nieuwkoop hat einen Fünf-Jahres-Zyklus ausgemacht. Demnach verlassen nach jeder documenta mehr Kreative die Stadt als in Jahren, in denen keine Kunstschau ist. Raamwerk arbeiten daran, dass es diesmal weniger sind. (Matthias Lohr)

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