70-jähriger Kasseler hatte seinen Nachbarn wegen eines Streits um einen Aschenbecher erstochen

Sieben Jahre Gefängnis für Totschlag

Kassel. „Eigentlich ist alles Suff, Suff, Suff - und ansonsten nicht zu verstehen.“ Das sagt Volker Mütze, Richter am Landgericht Kassel, als er am Montag abwägen will, was für und was gegen den 70-Jährigen auf der Anklagebank spricht. Zuvor hat das Gericht den Mann wegen Totschlags zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Die Kammer ist überzeugt, dass der alte Mann aus Verärgerung einen Nachbarn mit 21 Messerstichen attackierte - der 55-Jährige verblutete an der Verletzung der rechten Halsvene. Der Anlass des Streits sei „lapidar“ gewesen, betont Mütze: Der Getötete sei mit dem Lieblingsaschenbecher des Angeklagten in dessen Zimmer erschienen und habe dafür zehn Euro Finderlohn verlangt. Der Fall zeige, was Alkohol aus einem Menschen machen könne.

Der Angeklagte blickt starr vor sich hin, wie er es die meiste Zeit im Prozess getan hat. Mütze spricht nicht sehr laut, als er das Urteil begründet. Der schwerhörige 70-Jährige versteht ihn vermutlich nicht. Aber er zeigt auch keinerlei Interesse, mehr mitzubekommen. Die psychiatrische Gutachterin hat über ihn gesagt, 30 Jahre Alkoholmissbrauch hätten sein Hirn beeinträchtigt und eine Wesensveränderung herbeigeführt. Er wolle im Leben eigentlich nur noch seine Ruhe - und Fernsehen.

So hatte er zuletzt auch seine Tage in einem Haus in Kassel gestaltet. Bei der Polizei ist das Anwesen als Wohnstatt für die „Trinkerszene“ bekannt. Es ist offenbar auch Anlaufpunkt für manchen Ex-Häftling, der sonst keine Bleibe findet. Halt im Leben, so hat die Psychiaterin angedeutet, biete das Umfeld freilich nicht.

Der Angeklagte lebt seit inzwischen 20 Jahren in Kassel - und die meiste Zeit an der fraglichen Adresse. Vor einigen Jahren war er schon einmal unter Alkoholeinfluss auf einen anderen Bewohner losgegangen - mit einer Machete. Weil er zuvor lange Jahre straffrei geblieben war, wurde er damals zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Am fraglichen Märzabend, sagt Mütze, habe sich der Angeklagte das Messer bereitgelegt - für den Fall dass er zu betrunken sei, um die Tür abzuschließen und jemand in sein Zimmer eindringe.

Das Gericht geht davon aus, dass er sich wegen seines Lieblingsaschenbechers von dem später Getöteten provoziert fühlte. Der Bluttest zeigte eine Alkoholkonzentration zwischen 2,32 und 2,71 Promille.

Die Haft sieht das Gericht nicht nur als angemessen - sondern auch als einziges Mittel, das zum Einwirken auf den alten Mann zur Verfügung steht.

Eine Entzugstherapie hatte die Gutachterin nicht mehr empfohlen. Viel ändern werde sich am Tagesablauf des 70-Jährigen jetzt wohl nicht, prognostiziert Mütze.

Von Katja Schmidt

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