28-Jähriger wegen Ladenüberfalls verurteilt – 100 000-Euro-Raub nicht nachweisbar

Überfall auf Laden: Mann muss für sieben Jahre hinter Gitter

Kassel. Mehr als ein Jahr lang wurde verhandelt, zweimal konnte der Angeklagte währenddessen seinen Geburtstag feiern. Doch trotz aller hartnäckiger Bemühungen der Verteidigung, die Unschuld des 28-jährigen Kasselers zu beweisen, stand nach 42 Prozesstagen am Ende nur ein halber Erfolg.

Zwar wurde der Mann vom spektakulären 100 000-Euro-Raubüberfall auf einen Spielbankbesucher am Freitag freigesprochen. Doch gleichzeitig schickte ihn das Kasseler Landgericht wegen eines weiteren schweren Raubs für sieben Jahre ins Gefängnis.

Kopfschüttelnd verfolgte der bis dato nicht vorbestrafte 28-Jährige die Urteilsbegründung. „Wenn Sie mich verurteilen, verurteilen Sie einen Unschuldigen“, hatte er in seinem Schlusswort gesagt. Doch das sah die Strafkammer anders. Im Oktober 2009 war ein heute 49-Jähriger, der sich selbst vor Gericht als „seriösen Spieler“ bezeichnete, beim nächtlichen Verlassen der Spielbank in der Kasseler Kurfürstengalerie überfallen und um seinen Gewinn erleichtert worden: stolze 100 000 Euro. Mindestens.

Ein anonymer Tippgeber schwärzte später den Angeklagten, der unbestritten in der Nähe des Tatorts gewesen war, bei der Polizei an. „Das“, befand Richter Jürgen Stanoschek jedoch, „ist nichts wert als Beweismittel.“ Genauso wenig wie die Gegenüberstellungen, bei denen Zeugen den Angeklagten wiedererkannt haben wollten. Denn dabei habe die Polizei so viel falsch gemacht, dass auch diese Ergebnisse „absolut wertlos“ seien, rügte der Strafkammervorsitzende. Und weil es darüber hinaus nichts gebe, was den Angeklagten der Tat überführen könnte, bleibe nur: Freispruch.

Keinen Zweifel hatte das Gericht dagegen, dass der 28-Jährige im August 2010 ein An- und Verkaufsgeschäft in der Holländischen Straße in Kassel überfallen hat – zusammen mit demselben Mann, der auch beim Spielbankraub dabei gewesen sein soll, aber noch nicht gefasst werden konnte. Goldschmuck im Wert von rund 52 000 Euro hatten die Täter in dem Laden erbeutet und waren dabei sehr ruppig vorgegangen: Nicht nur bedrohten sie den Verkäufer mit einer Pistole, sondern traten ihm auch mehrfach ins Gesicht – „mit voller Wucht“, wie Stanoschek betonte.

Handfeste Beweise wie Fingerabdrücke oder DNA-Spuren, die den Angeklagten belastet hätten, erbrachten die Ermittlungen auch in diesem Fall nicht. Dem Gericht aber reichten Indizien wie der Körperbau des Angeklagten: Eine Gutachterin hatte erklärt, dass auf den Bildern der Videoüberwachung im Geschäft der „V-förmige Oberkörper“ eines der beiden Räuber zu erkennen sei – und dass der 28-Jährige auch so gebaut sei. Außerdem hatte der Mann irgendwann nach der Tat auf Fotos mit großen Geldscheinen posiert – obwohl er, so das Gericht, doch eigentlich nur ein Geringverdiener gewesen sei.

Von Joachim Tornau

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