Ururenkelin von Wilhelm Grimm hat Familiennachlass einem Verein überlassen

Präsentierten in der Kasseler Sparkasse Gegenstände aus dem Grimm-Nachlass: (von links) Prof. Dr. Holger Ehrhardt, Ingo Buchholz, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse, Oberbürgermeister Bertram Hilgen und Dr. Berthold Friemel. Fotos: Koch (2)

Kassel. Wer hat mit diesem Besteck gegessen? Diese Frage konnten die beiden Grimm-Experten Prof. Dr. Holger Ehrhardt und Dr. Berthold Friemel (Verein Brüder-Grimm-Platz) am Mittwochmittag ganz genau beantworten.

Die beiden Wissenschaftler präsentierten in der Kasseler Sparkasse ein Silberbesteck (sechs Messer und vier Gabeln), mit denen Jacob und Wilhelm Grimm ihre Mahlzeiten zu sich genommen haben.

Ehrhardt, Inhaber der Grimm-Professur an der Uni Kassel, und Friemel (Uni Berlin) haben über 1000 bisher nicht öffentlich bekannte Exponate für die künftige „Grimm-Welt“ auf dem Weinberg nach Kassel geholt.

Die Gegenstände, darunter Kunstgegenstände, Gemälde, Zeichnungen, Fotos, Porzellan, Leinen, Silber, Möbel, Schmuck, Kleidungsstücke und Bücher, gehörten bislang der 79-jährigen Inge Wurf aus Haldensleben bei Magdeburg (Sachsen-Anhalt). Sie ist die Ururenkelin von Wilhelm Grimm (1786 bis 1859). Aus Altersgründen hat sie jetzt viele Erinnerungen und Gebrauchsgegenstände der Familie dem Verein Brüder-Grimm-Platz überlassen. Die Kasseler Sparkasse hat den Ankauf des Nachlasses mit 30 000 Euro finanziert.

Es sei Inge Wurf nicht leichtgefallen, sich von den liebgewonnenen Familienstücken zu trennen, die auch im Haushalt noch verwendet wurden, erzählen Ehrhardt und Friemel. Die beiden haben den Nachlass persönlich bei der Grimm-Nachfahrin abgeholt.

Zu allen Stücken seien der 79-Jährigen Geschichten eingefallen, erzählen die Grimm-Forscher. Gewisse Züge habe sie zweifelsfrei von ihren begabten Ahnen. Das Gedächtnis von Inge Wurf sei wohl genauso gigantisch wie das von Jacob Grimm, dem Bruder ihres Ururopas Wilhelm.

Die Alltagsgegenstände erzählten auch viel über den Charakter der Familie Grimm. Das Silberbesteck ist nicht romantisch überfrachtet, sondern habe eine klassische Form und liege leicht in der Hand. Die Messer und Gabeln seien mehrfach repariert worden, was darauf hindeute, dass die Grimms das Besteck jahrzehntelang verwendeten.

Die Brüder Grimm mussten auch stets aufs Geld achten: Das zeigten zwei Kerzenleuchter aus dem Jahr 1810, die in der Wohnung an der Marktgasse standen. Die waren zwar geschmackvoll und für die damalige Zeit modern, aber nur versilbert.

Die Gegenstände von Inge Wurf sind im Prinzip der zweite Teil des familiären Grimm-Nachlasses, der jetzt nach Kassel kommt. Der Nachlass von Marko Plock, dem im vergangenen Jahr verstorbenen Urenkel Wilhelm Grimms (Plock war der Onkel von Inge Wurf), kam bereits im Jahr 2006 nach Kassel.

Fotos: Das ist der Nachlass der Brüder Grimm

Das ist der Nachlass der Brüder Grimm

Oberbürgermeister Bertram Hilgen bedankte sich bei der Sparkasse und bei den Forschern, ohne deren „respektvollen Umgang mit den Grimm-Erben“ die Rückführung nicht möglich gewesen wäre. Ingo Buchholz, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse, sagte, dass man das Projekt gern unterstützt habe, da es ein „einmaliger Glücksfall sei, den Nachlass der Grimms zurück nach Kassel zu holen.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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