Nazis entfernten jüdische Namen

Ausstellung im Rathaus zeigt prunkvolle Stiftungen

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Symbole für den Stolz der Bürger auf ihre Stadt: Die 1909 von Gustav Plaut gestiftete Silberkanne hält Julia Herdes in der Hand. Dahinter ist Museumsleiterin Cornelia Dörr mit den Leuchtern des Brauereibesitzers Georg Kropf zu sehen.

Kassel. Es ging ihnen gut, und sie waren stolz auf ihre Stadt. Deshalb stifteten Kasseler Bürger wie der Brauereibesitzer Georg Kropf zwei große silberne Leuchter. Auch seine Nachfahren verdienten mit Bier ihr Geld. Die Namen Martini und Kropf gehören bis heute zusammen.

Angefertigt wurden die Leuchter von dem Kasseler Goldschmied Friedrich Wilhelm Range. Vier Generationen später gibt es den Familienbetrieb immer noch an der Königsstraße.

Auch der Kommerzienrat Gustav Plaut griff 1909 tief in die Geldschatulle und vermachte seiner Heimatstadt Kassel eine reich verzierte silberne Kanne. Anlass war die Fertigstellung des neuen Rathauses an der Oberen Königsstraße.

Die Kasseler Bürgerschaft ließ sich damals nicht lumpen und legte den Grundstock für eine bis heute erhaltene Stiftung, das Kasseler Ratssilber. Vier Jahre später, zur 1000-Jahr-Feier, kamen 40 weitere wertvolle Stücke hinzu.

Einige von ihnen kehren jetzt ins Kasseler Rathaus zurück. Vor dem Trausaal im Erdgeschoss präsentiert das Stadtmuseum eine Auswahl besonders schöner und besonders interessanter Stücke. Dazu gehört auch die Kanne von Gustav Plaut, der Mitglied der jüdischen Gemeinde Kassels war. Sein Neffe, der Rechtsanwalt Dr. Max Plaut, war eines der ersten Opfer der Nationalsozialisten in Kassel. Am 24. März 1933 wurde er von der SA in ihrem Stammlokal Bürgersäle so schlimm misshandelt, dass er wenige Tage später an den Verletzungen starb. Eine Gedenktafel am Karlsplatz erinnert an sein Schicksal.

Blumenschale mit Geschichte: Der Name des Stifters Moritz Wertheim wurde 1939 von den Nazis entfernt.

Auch die Schale, die der Bankier Moritz Wertheim 1909 stiftete, hat eine besondere Geschichte. 30 Jahre lang gehörte sie ganz selbstverständlich zum Ratssilber. Vor dem Reichskriegertag 1939 in Kassel zerstörten die Nationalsozialisten nicht nur den Aschrottbrunnen neben dem Rathaus. Die Stiftungen jüdischer Mitbürger sollten aus dem Bewusstsein getilgt werden. Die Gravur am oberen Rand der Silberschale mit dem Namen Moritz Wertheim wurde entfernt. Wer sich die Schale in der Ausstellung genau ansieht, entdeckt noch die kleinen Bohrlöcher, durch die das Band mit der Gravur mit der Schale verbunden war.

Pünktlich zum Neujahrsempfang der Stadt und zum Auftakt der Veranstaltungen zum 1100. Jahrestag der Ersterwähnung Kassels kehrt das Ratssilber aus dem Depot des Stadtmuseums ins Rathaus zurück. „Die Objekte sind Zeugnisse des Wohlstands und des Selbstbewusstseins der Kasseler Bürger“, sagt Dr. Cornelia Dörr, die Leiterin des Stadtmuseums.

Vor gut 100 Jahren sollte damit auch ein großer Verlust ausgeglichen werden. Kassel war zu Beginn des 18. Jahrhunderts so knapp bei Kasse, dass die Stadt ihr Tafelsilber verkaufen musste.

Das war zu dieser Zeit noch wörtlich gemeint. Es handelte sich um einen Schatz, zu dem wertvolle vergoldete Trinkbecher gehörten. Einen Rettungsschirm gab es damals noch nicht.

Von Thomas Siemon

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