Interview mit Prof. Helmut Holzapfel über die Auswirkungen des Klimawandels auf den Verkehr in der Region

Wissenschaftler: Häufiger Stürme und längere Hitzeperioden in Nordhessen

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Hochwasser legt den Verkehr lahm: Auf Überschwemmungen – wie hier im Januar an der Klinkenmühle bei Schwalmstadt – wird sich die Region vermehrt einstellen müssen. Wie sich der Verkehr dafür rüsten kann, wird derzeit an der Uni Kassel erforscht.

Kassel. Auch in Nordhessen werden künftig häufiger Dauerregen, Sturm und längere Hitzeperioden eintreten. Davon ist Prof. Helmut Holzapfel, Verkehrswissenschaftler der Uni Kassel, überzeugt. Die Gründe lesen Sie hier.

Dass Wissenschaftler am eigenen Leib die Relevanz ihrer Forschung erleben, ist eher die Ausnahme. Prof. Helmut Holzapfel, Verkehrswissenschaftler der Uni Kassel, war Anfang November in Alessandria in Norditalien, als dort heftige Regenfälle den Verkehr lahmlegten. Holzapfel forscht zurzeit im Rahmen des Klimzug-Projekts zu den Einflüssen des Klimawandels auf den Personenverkehr in der Region.

Müssen wir uns in Nordhessen auf Ereignisse wie kürzlich in Südeuropa einstellen?

Prof. Helmut Holzapfel: Die Wahrscheinlichkeit von Unwetterextremen steigt auch bei uns. Einzelereignisse kann man zwar nicht direkt auf den Klimawandel zurückführen. Aber Dauerregen, Sturm und längere Hitzeperioden werden in Nordhessen künftig häufiger eintreten. Durch die Mittelgebirgslage und Wildbäche sowie die vielen Wälder sind wir stärker gefährdet als im Bundesdurchschnitt. Mit Überschwemmungen und Windbruch müssen wir viel stärker rechnen als etwa der flache Norden Deutschlands.

Wo kann das passieren?

Holzapfel: Das kann man nicht genau eingrenzen. Wir haben die Ereignisse aufgezeichnet, die zu Störungen im Verkehr geführt haben. Bei Windbruch sind vor allem Bahnstrecken betroffen, bei Hochwasser kommt es eher zu Problemen auf der Straße. Grundsätzlich sind wir in Nordhessen da an keiner Stelle sicher. Besonders gefährdet sind natürlich Gebiete an Bachläufen mit Brücken - und davon gibt es hier ja viele. Wenn Holz und Unrat angeschwemmt werden, können Brücken zum Staudamm werden. Das gilt natürlich auch für große Flussläufe. Künftig wird es deshalb immer wichtiger, dass Brücken große Spannweiten und möglichst wenig Pfeiler haben.

Was bedeutet es, wenn der Verkehr durch Unwetter behindert wird oder brachliegt?

Holzapfel: Die Störung der Schienen- und Straßeninfrastruktur hat nicht nur Auswirkungen auf die Verkehrsteilnehmer, sondern auch auf die Wirtschaft. Denken Sie an das Original-Teile-Center von VW, an die vielen Logistikbetriebe in der Region, die Unternehmen, die auf Lieferungen angewiesen sind. Wenn die Infrastruktur unterbrochen wird, können auch die Mitarbeiter nicht an den Arbeitsplatz kommen. Das kann schnell zu zwei- bis dreistelligen Millionenschäden für die Wirtschaft führen. In Italien war der Hafen von Genua mehrere Tage lahmgelegt – in der Folge standen auch Industrieanlagen still.

Welche Folgen drohen im öffentlichen Nahverkehr?

Holzapfel: Nach Windbruch durch Sturmereignisse wird es schwer, die Menschen zu befördern. Hier ist vor allem ein gutes Informationssystem für Fahrgäste gefragt. Bei längeren Hitzeperioden im Sommer müssen vor allem ältere Menschen geschützt werden. Da haben wir schon erste Ergebnisse: In Eschwege wurden Haltestellen mit Sonnenschutz ausgestattet. Auf die Glasdächer, unter denen es brüllend heiß werden kann, wurden Spezialfolien aufgebracht, sodass auch im Hochsommer angenehme Temperaturen herrschen. Das Beispiel Deutsche Bahn zeigt, wie wichtig es ist, dass auch bei Klimaanlagen im ÖPNV nachgerüstet wird.

Wie muss sich die Region noch rüsten?

Holzapfel: Es wäre Irrsinn, die Winterdienste zurückzufahren, wie kürzlich zur Debatte stand. Die Straßendienste müssen gut ausgestattet werden, damit der Verkehr bei Schnee, Eis und anderen Unwettern nicht zum Erliegen kommt. Und der Versiegelungsgrad an Bächen und Flüssen muss verringert werden, es müssen Retentionsflächen zum Abfluss des Wassers geschaffen werden. Und wir müssen im Sommer die Menschen vor der Hitze schützen.

Der Verkehr ist ja nicht nur Leidtragender, sondern auch Auslöser des Klimawandels ...

Holzapfel: Der Verkehr weltweit ist schon jetzt zu einem Viertel am CO2-Ausstoß beteiligt, und CO2 gilt als Ursache des Klimawandels. Deshalb wäre das Schlimmste, wenn bei Unwettern alle ÖPNV-Nutzer aufs Auto umsteigen. Das wäre kontraproduktiv. Wir müssen nicht nur die Folgen von Wetterextremen, sondern auch die Ursachen in den Griff kriegen. Jeder, der sein Auto bei kurzen Wegen stehen lässt, kann etwas dazu beitragen.

Von Katja Rudolph

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