Singen mit den Händen

Stille Lieder, großer Ausdruck: Ramona Most (von links), Ewa Küster, Inge Tschirner, Renate Dimmerling, Eva-Maria Simon und Werner Most wirken im Gebärdenchor der evangelischen Gehörlosengemeinde mit. Auf unserem Bild ist die Gebärde für Liebe zu sehen. Die „Sänger“ tragen Handschuhe, damit die Gebärden besonders gut zur Geltung kommen. Foto: Rudolph

Kassel. Dass eine Gemeinde einen Kirchenchor hat, ist nichts Besonderes. Wohl aber, wenn dieser Chor nicht zu hören ist.

Für die Mitglieder der evangelischen Gehörslosengemeinde in Kassel ist es allerdings ganz normal, sich über Gebärden statt über Lautsprache zu verständigen. Ihr Chor ist still und singt mit den Händen, mit Mimik und Gestik. Ebenso wie in einem hörbaren Chor geht es dabei um besonders schönen Ausdruck. Um Gebärdenpoesie jenseits der Alltagssprache.

„Es war für mich ein Befreiungserlebnis zu merken, dass auch ich Inhalte beim Singen schön darbieten kann“, teilt Ewa Küster über Gebärden mit. Ihre Gefühle in ihrer Sprache auszudrücken und mit den anderen gemeinsam Lieder zu präsentieren, mache ihr großen Spaß, sagt die taube Frau mit der jugendlichen Ausstrahlung.

Lutz Käsemann

In den Chorproben und den Gottesdiensten der Gehörlosengemeinde, die etwa 180 Mitglieder in Kassel und Umland hat, ist es meist still. Trotzdem ist die fast 160 Jahre alte Gemeinde ein Ort der Kommunikation. Unter Hörenden fühlten sich Gehörlose oft fremd und ausgeschlossen, weiß Pfarrer Lutz Käsemann. Sie können Unterhaltungen nur folgen und sich selbst einbringen, wenn Rücksicht genommen wird. Selbst wenn in Gottesdiensten gedolmetscht würde, bleibe der Inhalt etwas Übersetztes, sagt Käsemann, „dementsprechend farblos ist es“.

In der Gehörlosengemeinde sind die Predigten - ebenso wie die Chorlieder, die nicht etwa aus dem Gesangbuch übersetzt werden - von vornherein in Gebärdensprache verfasst, die eine völlig andere Grammatik hat als die Lautsprache. Pfarrer Käsemann ist selbst nicht hörgeschädigt. Sein Wunsch, die Gebärdensprache zu erlernen und Gehörlosenpfarrer zu werden, entstand per Zufall: in einer Situation, als er unter lauter Gehörlosen war und sich nicht verständigen konnte.

Heute spricht er ganz selbstverständlich in Gebärden und hat die Besonderheiten seiner Gemeinde verinnerlicht. Ein Gottesdienst im Kerzenschein etwa kommt nicht infrage. „Das schummerige Licht wäre für die Kommunikation der Tod.“ Auch ein schneller Anruf beim Kirchenvorstand funktioniert nicht: Nachrichten müssen schriftlich per E-Mail oder Fax oder aber persönlich ausgetauscht werden.

Entspannung für die Augen

Der Kirchenchor habe in der Gehörlosengemeinde ebenfalls eine besondere Bedeutung, erklärt Käsemann: Während Hörende im Gottesdienst auch mal die Blicke schweifen lassen können und bei einem interessanten Stichwort wieder aufhorchen, müssen Gehörlose pausenlos mit den Augen den Gebärden des Pfarrers folgen. Der Vortrag des Chors, bei dem die Blicke von einem zum anderen wandern können, ist somit auch ein Moment der Erholung.

Von Katja Rudolph

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