Auftritte im Petersdom, Paris, Florenz, Stockholm

Die singenden Botschafter aus Kassel: Erinnerungen an den Kasseler Jugendchor

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Viel unterwegs: Der Jugendchor vor einem seiner zahlreichen Auftritte. 

Kassel. Im Sommer 1945, Kassel lag in Trümmern, kam einem Rathausmitarbeiter die Idee, einen Jugendchor zu gründen. Aus dieser vor 70 Jahren geborenen Idee wurde noch im selben Jahr Realität. Der Chor feierte Erfolge und sang nicht nur im Petersdom in Rom, in Paris, Florenz und Stockholm. Leser Arnold Michel erinnert sich.

 Arnold Michel (93) hat die schrecklichsten Jahre seines Lebens nur aus einem Grund überstanden. „Die Musik hat mir im Krieg das Leben gerettet“, sagt er. Michel kehrte 1945 von der Front nach Kassel zurück und gründete den Jugendchor.

Auf dem Heimweg geriet der damals 23-Jährige drei Mal in Gefangenschaft. „Ich habe immer musiziert. Und als die Soldaten anfingen zu tanzen, nutzte ich die Chance zur Flucht“, erzählt Michel von seiner Überlebensstrategie.

Als er im Sommer 1945 Kassel erreichte, fand er Arbeit im Wirtschaftsamt des Rathauses. Aber es drängte ihn, mit der Musik auch anderen Menchen zu helfen. „Die Leute hatten in den Trümmern ihren Mittelpunkt verloren. Die Jugend war vom Werteverfall betroffen, sie suchte Orientierung“, sagt Michel. Die Militärregierung gestattete ihm die Gründung des Jugendchors.

Michels Idee stieß auf große Resonanz – zeitweise waren bis zu 80 Jugendliche aktiv. Der Chor war für die Nachkriegsjugend ein Tor zur Welt. Mit zahlreichen Aufnahmen und Live-Übertragungen für den Rundfunk kamen auch die Einladungen in europäische Metropolen.

1952: Der Jugendchor gastiert in Paris. Man besuchte nicht nur den Eiffelturm, sondern sang auch nachts spontan vor Sacré Coeur.

Ein Höhepunkt war die Tournee 1953 durch das damals noch unabhängige Saarland, die Schweiz, Italien und Österreich. An das Choralsingen im Petersdom in Rom erinnern sich noch heute viele Kasseler, die einst mit dabei waren. „Vor dem Petrusgrab zu singen, hat mir fast die Stimme verschlagen“, sagt Marta Greiner-Petter. Ebenso prägend war der Auftritt im „Saal der Fünfhundert“ im Palazzo Vecchio in Florenz, zu dem 1200 Besucher kamen.

Es war das erste Konzert eines deutschen Chors in Florenz nach dem Krieg. So fungierten die Kasseler damals als Botschafter. Gesungen wurden klassische Stücke, aber auch deutsche Volkslieder. Die Atmosphäre auf den Busreisen war wie in einem Jugendlager. Gekocht wurde zwischen Innsbruck, dem Lago Maggiore und Pisa mit der Feldküche. Im Schatten des schiefen Turms kam Kasseler auf den Tisch.

Hass war verflogen

Es war nicht die einzige Tournee. Bereits 1952 war der Chor in Paris und 1955 in Schweden. Chorleiter Michel erinnert sich noch an eine Begegnung nach dem Auftritt in Paris mit einem ehemaligen französischen Soldaten: „Er kam zu mir und erzählte, dass er fünf Jahre in deutscher Gefangenschaft war und die Deutschen gehasst habe. Aber nach dem Konzert könne er das nicht mehr.“

Florenz 1953: Die Kasseler wollten mit dem Bild festhalten, wie eng die Gassen waren.

1955 wurde Michel, der aus beruflichen Gründen Kassel verlassen musste und heute in Gummersbach lebt, von Gerhard Orth als Chorleiter abgelöst. Der Ahnataler Orth reiste mit den Kasselern nach Schweden. Er führte den Chor bis 1958. Dann löste sich der Verein auf, weil die Mitglieder das Jugendalter hinter sich gelassen hatten und graue Haare bekamen. Er firmierte noch ein paar Jahre als Kegelclub.

Mehr historische Bilder und Anekdoten der Chormitglieder finden Sie in der gedruckten Ausgabe am Mittwoch.

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