Forscher aus Kassel und Würzburg haben Smartphone-App weiterentwickelt

Handy misst die Lautstärke - Lärmkarte im Netz

Straßenlärm: An der Wilhelmshöher Allee in Kassel haben die Professoren Andreas Hotho (links) und Gerd Stumme mit ihrer App eine Lautstärke von 62 Dezibel gemessen. Da Lärm subjektiv wahrgenommen wird, kann man mit der Anwendung auch vorher den Geräuschpegel einschätzen. Im vorliegenden Fall hatten die Forscher einen Wert von 66 Dezibel erwartet. Fotos: Schaffner

Kassel. Jeder zweite Deutsche fühlt sich durch Straßenverkehrslärm belästigt, jeder fünfte leidet stark darunter. Geräusche werden jedoch unterschiedlich stark wahrgenommen. Zwei Forscher möchten deshalb mehr über subjektives Lärmempfinden wissen - und haben eine Handy-Anwendung weiterentwickelt.

Die Zahlen stammen aus einer Untersuchung des Umweltbundesamtes. „Wenn jemand denkt, dass es in seiner Umgebung zu laut ist, kann er jetzt selbst nachmessen“, sagt Prof. Gerd Stumme (45), Leiter des Fachgebiets Wissensverarbeitung an der Uni Kassel.

Gemeinsam mit Andreas Hotho (40), Informatikprofessor der Uni Würzburg, und den jeweiligen Forschungsgruppen hat er im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts eine Smartphone-App namens „Widenoise“ weiterentwickelt und für die Präsentation der Messwerte eine Internetseite erstellt.

„Ursprünglich konnte man mit der App nur die Lautstärke messen“, sagt Hotho. Die Informatik-Spezialisten haben sie deshalb um mehrere Funktionen erweitert. Nutzer der kostenlosen Anwendung können neben der eigenen Messung beispielsweise auch vorab schätzen, wie laut es in ihrer Umgebung sein könnte, und verschiedene Zusatzinformationen eintragen. Beispielsweise, ob man sich in einem Park oder auf einem Rockkonzert befindet.

„Damit können wir die Messwerte in den richtigen Kontext einordnen und die Motivation der Nutzer verstehen“, erklärt Hotho, der 2010 bei Stumme in Kassel habilitiert hat. Die Forscher erkennen so, welche Geräusche als angenehm und welche als störend empfunden werden.

Die Messdaten können samt Zusatzinfos zum Uni-Server übermittelt werden, der die Werte dann automatisch in eine interaktive Weltkarte einträgt. Bislang sind dort 35 000 Messungen aus allen Erdteilen vermerkt. „Die App wird nicht nur von Einzelpersonen benutzt, sondern auch von Interessengruppen“, sagt Stumme.

Rund um den Flughafen London-Heathrow würden zum Beispiel sehr viele Eintragungen gemacht, da dortige Fluglärmgegner die App nutzten, um die Lärmbelästigung zu dokumentieren. „Es wird meist nur gemessen, wenn ein Flugzeug startet oder landet, und nicht, wenn es ruhig ist“, sagt Stumme.

Ziel sei es deshalb, möglichst viele unterschiedliche Daten an vielen Orten zu sammeln: „Dann könnte man zum Beispiel London und Kassel miteinander vergleichen.“ Schließlich sei Fluglärm in Kassel jetzt auch ein Thema.

Da die App auf Basis des Handy-Mikrofons funktioniert, seien die Ergebnisse nur bedingt mit denen eines geeichten Schallpegelmessgeräts vergleichbar. „Das liegt daran, dass Smartphones für Telefonate ausgelegt sind“, sagt Hotho. Bei 100 Dezibel (Kreissäge) sei Schluss. „Aber“, betont der Professor nach vielen Tests mit Profi-Messgeräten, „die Ergebnisse der App sind schon nah an der Realität“.

Kostenlose Anwendung

Die Handy-App „Widenoise“ ist kostenlos für die Smartphone-Betriebssysteme iOS und Android über die jeweiligen App-Stores erhältlich sowie auf der Internetseite: www.widenoise.eu. Auf der Homepage befindet sich auch die interaktive Weltkarte, in die sämtliche Messungen automatisch über die App eingetragen werden. Da die Anwendung Teil eines EU-Forschungsprojekts ist, gibt es sie bislang nur auf Englisch. (psn)

Von Sebastian Schaffner

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.