Tagebuch des Kassel-Chronisten Paul Heidelbach aus dem Jahr 1945 erschienen

So erlebte dieser Kasseler die erste Zeit nach dem Krieg

Archivar und Autor: Paul Heidelbach in seinem Arbeitszimmer. Repro: Hartwig Bambey/nh

Wie sah es in Kassel und Umgebung unmittelbar nach dem Krieg aus? Dazu liefern die Tagebuchaufzeichnungen von Paul Heidelbach interessante Einblicke.

Der frühere Stadtarchivar, Kassel-Chronist und Mundartdichter, der von 1870 bis 1954 lebte, hat seine Eindrücke akribisch notiert. Die Aufzeichnungen aus dem Jahr 1945 sind jetzt als Buch im Kasseler Sternbald Verlag von Hartwig Bambey erschienen.

Heidelbach lebte mit seiner Familie bis 1933 an der Wolfsschlucht in Kassel. Weil er ein kritischer Geist war, der schon früh auf Distanz zu den Nationalsozialisten ging, drängte ihn seine Familie zum Umzug aufs Land. Im nahegelegenen Grifte (heute ein Ortsteil von Edermünde im Schwalm-Eder-Kreis) war er aus der Schusslinie. Und damit auch seine Frau und die beiden Töchter. Heidelbach wohnte hier bis zu seinem Tod. Hier einige Auszüge aus dem Tagebuch über die Zeit vor 75 Jahren.

12. Mai 1945 Die Hessische Post teilt mit, dass die Gestapo noch am 30. März zwölf politische Gefangene durch sechs Wachposten mit Maschinengewehren niederschießen ließ. Die Leichen wurden am 25. April exhumiert und acht von zwölf Personen identifiziert. Zwei Ukrainer, zwei Polen, zwei Italiener, ein Kasseler Jude und ein Franzose. – Heidelbach las nicht nur intensiv die Zeitung. Er hörte auch Radio – empfangen konnte er den Sender Hamburg sowie Radio Luxemburg – und informierte sich über die politische Entwicklung.

.13. Mai 1945 In ganz Deutschland bleiben die Schulen so lange geschlossen, bis genügend Schulbücher vorhanden sind.

16. Mai 1945 Von heute an fährt täglich je ein Zug die Strecke Kassel-Treysa, der aber nur durch Berufstätige benutzt werden kann.

31. Mai 1945 Die Erdbeeren im Heideholz werden reif. Aber es ist kein Vergnügen, sie zu pflücken, da einem andauernd Kugeln um den Kopf fliegen und überall Überreste angeschossener Rehe herumliegen. Neuerdings soll den Amerikanern das Schießen auf Wild untersagt sein. – Die folgenden Eintragungen befassen sich mit Verhaftungen von führenden deutschen Vertretern der Wirtschaft, dem Krieg in Japan, der Lage in Frankreich und Großbritannien. Heidelbach hat in Grifte ein 40 Quadratmeter großes Arbeitszimmer mit einer umfangreichen Bibliothek. Auch Beobachtungen vor seiner Haustür fließen ein.

15. Juni 1945 Der Arbeiterzug fährt täglich. Die Leute stehen auf den Trittbrettern und sitzen auf den Puffern und Dächern der Wagen.

19. Juli 1945 Heute 7.45 Uhr fuhr ich im gedrängt vollen Güterzug nach Kassel. Oberbürgermeister Seidel war leider nicht da, hatte Verhandlungen mit der Militärbehörde. Im Personalamt erzählte mir Erler, dass gerade heute Dr. Schnurre mit den Restbeständen wieder in die Trümmer der Murhardbibliothek übersiedele. Der Maler Rohleder begleitete mich in die verwüstete und völlig verwahrloste Karlsaue. Die Orangerie wird wohl kaum wieder aufgebaut werden können. An der Verwüstung der Stadt hat sich noch nichts geändert. Im Rathaus hörte ich, dass wir genügend Baumaterial zur Verfügung hätten, aber keine Transportmöglichkeiten. – Das sollte sich noch zu Lebzeiten von Heidelbach ändern. Die ersten Jahre des Wiederaufbaus erlebte er noch mit, die Fertigstellung der Orangerie nicht.

Spuren der Zerstörung im Kasseler Hauptbahnhof: Kurz nach Kriegsende fuhren hier wieder vereinzelt Züge. Paul He idelbach nutzte die Verbindung von Grifte in die weitgehend zerstörte Innenstadt. 

14. August 1945 Heute Morgen 6.45 Uhr fuhr ich nach Kassel. In der Bahnhofsvorhalle schliefen Flüchtlinge und Soldaten auf dem schlammigen Fußboden, andere nach Männern und Frauen getrennt, in den langen Zelten auf dem Ständeplatz. – Am 19. August enden die Tagebucheinträge. Bis kurz vor seinem Tod arbeitete er an einer Neuauflage der Geschichte der Wilhelmshöhe. Nach ihm sind in Kassel und Grifte Straßen sowie die höchste Zisselehrung, die Paul-Heidelbach-Medaille, benannt.

Paul Heidelbach, Tagebuch 1945 („Kampfzone Grifte“), 132 Seiten, Sternbald Verlag, 12 Euro.

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