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So ist Weihnachten und Neujahr im Dialysezentrum

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Von: Christina Hein

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Das Blut des Patienten wird durch den Dialysator gepumpt. Larissa Tissen überwacht den Vorgang.
Das Blut des Patienten wird durch den Dialysator gepumpt. Larissa Tissen überwacht den Vorgang. © Hein, Christina

An Weihnachten medizinisch behandelt zu werden, im Bett liegend an hoch komplizierten lebensrettenden Maschinen angeschlossen zu sein, während andere mit ihren Familien unterm Christbaum sitzen und Plätzchen essen: Was für viele eine schlimme Vorstellung ist, bildet für die zwei Dutzend Patienten, die am 26. Dezember Stunden mit einer Dialyse im medizinischen Versorgungszentrum der PHV verbringen, Normalität ab.

Kassel – Sie müssen sich im MVZ der Nephrologen Dr. Markus Schwickardi und Dr. Sebastian Howest aufgrund von Erkrankungen, die die Funktion ihrer Nieren außer Kraft setzen, dreimal pro Woche ihr Blut reinigen lassen. Das ist eine Prozedur, die zwischen drei bis fünf Stunden dauert. Nur so können sie überleben.

Ostern, Weihnachten oder Neujahr – die Dialyse hat absoluten Vorrang, sagt die 62-jährige Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt, die namentlich nicht genannt werden möchte. „Die Behandlung ist Fluch und Segen zugleich.“ Entsprechend komme sie mit gemischten Gefühlen. Einerseits sei sie unfrei, könne nie spontan irgendwo hinfahren. Doch der Körper schreie danach und letztlich wäre sie ohne die Dialyse, die ihr Blut reinigt, schlicht tot.

Die Frau, die seit drei Jahren montags, mittwochs und freitags ins Dialysezentrum an der Herkulesstraße kommt, erzählt ihre Leidensgeschichte: Mit 32 sei bei ihr eine chronische Nierenerkrankung festgestellt worden. Um ihr die Tortur der Dialyse zu ersparen, spendete ihr Mann ihr eine Niere. Sie wurde ihr implantiert. Doch nach einiger Zeit bekam die Patientin, begünstigt durch die Medikamente, die die Abstoßung des Organs verhindern, Hautkrebs. Die onkologische Behandlung schädigte das Implantat so sehr, dass es wieder entfernt werden musste. Seitdem ist die Patientin auf die Dialyse angewiesen.

Weihnachten im Einsatz: das Team um Sebastian Howest (Mitte).
Weihnachten im Einsatz: das Team um Sebastian Howest (Mitte). © Christina Hein

Sie fühle sich gut aufgehoben und bestens versorgt sagt die Kasselerin, die früher selber in einem medizinisch-pflegerischen Beruf tätig war. Sogar eine Freundin habe sie im Zentrum gewonnen. Die ältere Frau, die im Bett neben ihr an die Dialyse-Maschine angeschlossen liegt, sei ihr über die Jahre ans Herz gewachsen, man lache und schweige zusammen. Manchmal sei man auch gemeinsam traurig. Wichtig sei, dass man akzeptiere, Dialyse-Patientin zu sein. Die Krankheit habe ihr Bewusstsein geschärft, die guten Dinge im Leben wertzuschätzen, sagt sie. Sie lebe intensiver.

Während sie sich die Zeit vertreibt, indem sie auf ihrem Tablet liest oder auf den Fernseher schaut, der in dem großen Raum mit insgesamt sechs Betten angebracht ist, läuft ihr Blut aus ihrem linken Arm über Kanülen in die Dialysemaschine. Nicole Vöcking, medizinische Fachangestellte für Nephrologie, überwacht die Angaben auf dem Bildschirm. Hier werden sämtliche relevanten Werte, wie die Temperatur des Blutes, angegeben.

Dr. Sebastian Howest erklärt wie Dialyse-Wasserzubereitung aus Leitungswasser funktioniert.
Dr. Sebastian Howest erklärt wie Dialyse-Wasserzubereitung aus Leitungswasser funktioniert. © Christina Hein

Die jeweils rund fünf Liter Blut eines jeden Patienten werden von der Dialysemaschine 13 mal durch den Filter, den Dialysator, gepumpt, 280 Milliliter pro Minute. Der Dialysator, so erklärt Sebastian Howest, sei das Herzstück der Anlage. Er besteht unter anderen aus winzigen Kapillaren durch die das Blut fließt und gereinigt wird, beispielsweise von Kalium, bis es wieder funktionsfähig ist. Howest: „Ein hochkomplexer Vorgang.“ Den insgesamt 65 Patienten stehen im MVZ 22 Plätze zur Verfügung. Ein weiteres Dialysezentrum befindet sich am Klinikum und eines in Baunatal.

„Schöne Restweihnachten“, verabschiedet sich jemand. Das Taxi wartet schon. „Mein Mann hat gekocht“, sagt die 62-Jährige. Darauf freue ich mich jetzt.“ „Ich bewundere unsere Patienten“, sagt Dr. Howest. Es sind Menschen, von denen ich viel lerne.“

80.000 Dialyse-Patienten

In Deutschland wird die Zahl der Dialyse-Patienten auf 80.000 geschätzt. In Nordhessen sind es zwischen 300 und 400. Es sind nierenkranke Menschen, die darauf angewiesen sind, dass ihr Blut von überschüssigem Wasser sowie Abfall- und Ausscheidungsprodukten befreit wird, die zu lebensgefährlichen Vergiftungen führen würden. Unter Dialyse wird meist Blutwäsche verstanden, obwohl auch andere Verfahren durchgeführt werden.

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