Projekt am Friedrichsgymnasium zu Gast

„Meet a jew“: Junge Jüdinnen standen Kasseler Schülern Rede und Antwort

Jüdinnen von heute: Gabriela Chauskin (von links), die ehemalige FG-Schülerin Rosa Lyenska und Tamara Ikhaev waren für das Projekt „Meet a jew“ zu Gast in zwei Oberstufen-Religionskursen am Friedrichsgymnasium.
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Jüdinnen von heute: Gabriela Chauskin (von links), die ehemalige FG-Schülerin Rosa Lyenska und Tamara Ikhaev waren für das Projekt „Meet a jew“ zu Gast in zwei Oberstufen-Religionskursen am Friedrichsgymnasium.

Beim Stichwort „Juden“ fällt Vielen als erstes der Holocaust und die Nazi-Zeit ein. Zu zeigen, wie lebendig und vielfältig das Judentum heute ist, ist Ziel des Projekts „Meet a jew“. Drei Vertreterinnen waren zu Gast in einer Kasseler Schule.

Kassel – Jeden Tag an einem Polizeiauto und bewaffneten Sicherheitskräften vorbei und durch zwei Panzerglastüren in die Schule gehen? Für die Schülerinnen und Schüler des Kasseler Friedrichsgymnasiums (FG) ist das zum Glück unvorstellbar. Für Tamara Ikhaev war es viele Jahre Normalität. Sie hat eine jüdische Schule in Frankfurt besucht. Erst später, als sie auf ein staatliches Gymnasium wechselte, wurde ihr klar, dass sie vorher in einer Art „Hochsicherheitsgefängnis“ gelernt hatte.

Diese und viele weitere Eindrücke aus ihrem Leben schilderten gestern drei junge jüdische Frauen vor Oberstufenschülern des FG. Darunter auch die Kasselerin Rosa Lyenska, die selbst FG-Schülerin war. Die 23-Jährige, die heute in Berlin Filmregie studiert, engagiert sich beim Projekt „Meet a jew“ vom Zentralrat der Juden. Die Idee dahinter ist, durch persönliche Begegnungen das jüdische Leben in Deutschland zu vermitteln und so Klischees und Vorurteilen entgegenzuwirken.

„Wir wollen, dass Ihr dass Judentum nicht nur mit dem Zweiten Weltkrieg und all diesen traurigen Sachen assoziiert, sondern auch das Heutige und die schönen Aspekte kennenlernt“, formulierte es Gabriela Chauskin (24), die mit ihren beiden Projektkolleginnen den Zwölftklässlern Rede und Antwort stand. Dabei galt die Devise: „Es gibt keine Tabus.“

Aus der Runde der beiden Religionskurse unter der Leitung von Laura Klapp und Jürgen Nehm gab es vor allem Fragen zum Alltag auf jüdischen Schulen, aber auch zu Erlebnissen von Ausgrenzung und Antisemitismus. Sie habe auf dem FG nur gute Erfahrungen gemacht, sagte Rosa Lyenska. Allerdings hätten selbst ihre Freunde manchmal Judenwitze vor ihr gerissen. Und in der Abi-Zeitung habe ein Mitschüler einen Rap-Text formuliert, der lautete: „das Leben genießen in vollen Zügen wie Juden“. Solche unsensiblen Äußerungen zeugten auch von Ahnungslosigkeit, sagte die Kasselerin. „Ich kenne viele Holocaust-Überlebende und weiß, welches Leid sie erlebt haben.“

Judenwitze seien heute leider gang und gäbe an Schulen, bestätigte Tamara Ikhaev. Auch sie habe früher oft nichts dazu gesagt, um nicht aufzufallen. Sie erinnerte daran, dass auch viele unbeteiligte Menschen – nicht nur Deutsche – der Tötung von Juden in der NS-Zeit zugesehen hätten. „Schweigen ist ein großes Problem – egal auf welcher Seite“, sagte die 20-jährige Studentin.

Auf die Frage, ob sie manchmal Angst habe, sich in der Öffentlichkeit als Jüdin zu zeigen, sagte Gabriela Chauskin: „Wenn man sich versteckt und Angst hat, macht man es nur noch schlimmer. Und man kann nicht mehr mit anderen in Kontakt treten.“

Mucksmäuschenstill war es in den beiden Schulstunden. Die 35-köpfige Gruppe hörte den Jüdinnen aufmerksam zu, als sie vom handyfreien Sabbat und dem wegen des jüdischen Ruhetags verpassten Abiball berichteten, vom „OU“-Symbol auf koscheren Lebensmitteln und dem Verzicht auf Cheeseburger und andere Speisen, die zugleich Fleisch und Milch enthalten. Dabei betonten die drei Frauen aber: „Das Judentum ist bunt.“ Jüdisch sei, wer eine jüdische Mutter habe oder konvertiere – ansonsten gebe es keine Anforderungen oder Gradmesser des Jüdischseins.

Das wurde gerade durch die Kasselerin Rosa Lyenska deutlich, die sich selbst als nicht religiös bezeichnet. Dennoch geht die 23-Jährige jede Woche in die Synagoge, „weil ich mich für das jüdische Leben in Deutschland verantwortlich fühle“. (Katja Rudolph)

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