HINTERGRUND

So soll sich die Tat am 1. Juni 2019 abgespielt haben

Gut ein Jahr nach dem Mord an Walter Lübcke wird die Tat vor einem Gericht verhandelt. Nach Informationen unserer Zeitung soll der Prozess gegen den Kasseler Stephan Ernst bereits Mitte Juni vor dem Oberlandesgericht Frankfurt beginnen. Nach umfangreichen Ermittlungen mit mehr als 300 vom Generalbundesanwalt veranlassten Zeugenvernehmungen soll sich die Tat wie folgt abgespielt haben:

Demnach fährt Ernst mit seinem VW Caddy an jenem 1. Juni von Kassel nach Istha, was er in der Vergangenheit schon öfter getan hat. Nach Lübckes Äußerungen bei einer Bürgerversammlung 2015 in Lohfelden ist der Regierungspräsident Ernsts Feindbild. Lübcke hatte während einer Informationsveranstaltung zu einer geplanten Flüchtlingsunterkunft gesagt: „Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“

Ernst macht sich nach den bisherigen Ermittlungserkenntnissen am 1. Juni gegen 19.30 Uhr auf den Weg ins 22 Kilometer entfernte Istha. Bis nach 23 Uhr beobachtet er das Haus Lübckes, in der Nähe ist die Weizenkirmes noch in vollem Gange. Gegen 23.30 Uhr tritt Lübcke noch einmal auf seine Terrasse, um eine Zigarette zu rauchen und so den Tag ausklingen zu lassen. Wie die Bild-Zeitung jüngst schrieb, trug Lübcke eine Latzhose, die er normalerweise zu Gartenarbeiten anzog. Auf seinem iPad soll er sich ein Hotel in der Rhön angeschaut haben, zu dem er am nächsten Tag mit seiner Frau zu einem Kurzurlaub aufbrechen wollte. Der Schein des iPads soll Ernst dazu bewegt haben, sich doch noch Richtung Terrasse aufzumachen. Er schießt Lübcke schließlich aus kurzer Distanz in den Kopf. Lübcke ist sofort tot, sein Tod wird allerdings erst um 2.45 Uhr im Krankenhaus Wolfhagen festgestellt. Auf dem Kreuz an seinem Grab steht der 2. Juni als Todesdatum.

Die Erkenntnisse resultieren auch aus Ernsts erstem Geständnis kurz nach seiner Festnahme Mitte Juni. Das widerrief er zwar, aber seine Aussagen sind durchaus vor Gericht verwertbar. Im Januar sagte Ernst gegenüber den Ermittlern, nicht er habe Lübcke erschossen, sondern sein Komplize Markus H. – aus Versehen. H. ist ebenfalls angeklagt.

Was jeweils vor einem Jahr geschah Der Mord an Dr. Walter Lübcke hat die Region erschüttert. Der Fall sorgte über Wochen für Schlagzeilen – auch weil fast täglich etwas Neues über das Mordmotiv und den vermeintlichen Täter ans Tageslicht kam, nachdem Stephan Ernst zwei Wochen nach der Tat im Kasseler Stadtteil Forstfeld festgenommen worden war. Mit einer Art Kalenderblatt wollen wir in den nächsten Wochen an jeweils das erinnern, was genau vor einem Jahr geschehen ist. Noch kurz vor seinem Tod berichteten wir im Übrigen auch über Walter Lübcke. Am 28. Mai stellte er einen Erlebnisführer für die Dönche vor. Und eine Bilanz mit ihm stand auch an. Schließlich hatte er gerade zehn Jahre als Regierungspräsident hinter sich.

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