Wetter schlägt aufs Gemüt

So wenig Sonne wie seit fast 50 Jahren nicht: Extrem dunkler Dezember in Kassel

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Grau in grau: Die Sonne war im Dezember rar, und auch im noch jungen Januar ist noch viel Luft nache oben. Trotzdem: Auch bei trüben Wetter empfiehlt sich ein Spaziergang.

Kassel. So dunkel war es lange nicht mehr: Im vergangenen Dezember registrierten die Meteorologen für den Raum Kassel nur 11,5 Sonnenstunden. Ein Grund dafür, warum wir so müde sind.

Der Durchschnittswert für Dezember – er ist ohnehin der trübste Monat – liegt bei 31,2 Stunden Sonnenschein. Seit 1971, damals schien die Sonne im Dezember nur 8,9 Stunden, habe es in Kassel keinen niedrigeren Wert gegeben, sagt Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst. Zum Vergleich: Im Dezember 2016 maß die für den Raum Kassel maßgebliche Wetterstation in Schauenburg-Elgershausen 48 Sonnenstunden. "Der Dezember 2017 war sehr extrem", bilanziert Diplom-Meteorologe Jürgen Schmidt vom Wetterdienst Wetterkontor. 

Kassel ist da übrigens keine Ausnahme. Besonders in der Mitte und im Westen Deutschlands war die Dezembersonne rar. Negativer Spitzenreiter ist Bad Marienberg im Westerwald, wo die Dezembersonne nur knapp zwei Stunden schien; im bayrischen Oberstdorf gab es hingegen satte 74 Stunden Sonnenschein.  

Meteorologe Schmidt macht indes Hoffnung auf besseres Wetter: Ab Sonntag strömt von Nordosten her trockene Luft nach Kassel. Die Chancen auf Sonne – im noch jungen Januar schien sie hier bislang 1,6 Stunden – steigen wieder an. Ein kalter, schneereicher Winter ist aber nicht in Sicht.

Auch in Südniedersachsen war der Dezember ein extrem dunkler Monat.

Welche Auswirkungen die dunkle Jahreszeit auf unsere Laune hat, darüber sprachen wir mit der Psychologie-Professorin Dr. Heidi Möller von der Uni Kassel:

Frau Prof. Möller, wie beeinflusst das Dauer-Dunkel unsere Stimmung?

Prof. Dr. Heidi Möller

Prof. Dr. Heidi Möller: Schlechtes Wetter finden wir alle scheußlich, denn alle Menschen sind lichtabhängig. Aber wir müssen unterscheiden zwischen jenen, denen trübes Wetter nur die Laune vermiest und Menschen, die an einer saisonal abhängigen Depression (SAD) leiden. Es gibt Studien, die von etwa zwei Prozent Betroffenen ausgehen, andere sprechen von bis zu zehn Prozent der Bevölkerung.

Woran erkennt man eine solche Form der Depression?

Möller: Anders als bei einer „normalen“ Depression leiden Betroffene nicht an Schlaf- und Appetitlosigkeit, sondern – im Gegenteil – unter einer starken Müdigkeit, unter Antriebslosigkeit und Heißhungerattacken. Wer solche Symptome feststellt, sollte sich nicht scheuen, ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe zu suchen.

Was passiert überhaupt im Körper, wenn der zu wenig Tageslicht bekommt?

Möller: Die Ausschüttung des Hormons Melatonin reguliert unseren Tag- und Nacht-Rhythmus. Bei zu wenig Licht gerät dieser Prozess in Unordnung: Man vermutet, dass der Melatoninabbau blockiert und zu wenig Serotonin produziert wird. Wir fühlen uns antriebslos.

Wie umgehen wir das Tief? Welche Stimmungsaufheller empfehlen Sie?

Möller: Raus ins Freie! Mindestens eine Stunde am Tag, und zwar auch dann, wenn der Himmel bedeckt ist. Denn selbst bei grauem Himmel ist das natürliche Tageslicht deutlich hilfreicher als die Zimmerbeleuchtung.

Und wenn ich nun den ganzen Tag im Büro mit heruntergelassenen Jalousien sitze?

Möller: Dann sollten Sie beziehungsweise Ihr Arbeitgeber für eine gute Beleuchtung des Arbeitsplatzes sorgen. Es gibt Studien, dass diese sich auf Leistung und Wohlbefinden auswirken. In Pflegeeinrichtungen und Seniorenheimen, wo körperlich eingeschränkte Menschen kaum ins Freie kommen, gibt es beispielsweise spezielle Lichtkonzepte.

Was ist mit Menschen im Norden Skandinaviens, die einer richtigen Dunkelperiode ausgesetzt sind?

Möller: Da gab es in der Vergangenheit laut Studien hohe Suizidraten, inzwischen lässt sich das aber nicht mehr solide nachweisen. Die Bewohner dieser Länder stellen sich vermutlich darauf ein, dass diese Phasen kommen und besinnen sich in dieser Zeit auf das, was ihnen auch sonst Freude macht: Freunde treffen, Sport reiben, etc.

Also hilft es, Kompensationsmöglichkeiten finden?

Möller: Genau. Kommt das Stimmungstief, sollte man generell das tun, was einem auch sonst guttut. Notieren Sie sich doch mal zehn Aktivitäten, die Ihnen Spaß machen und überprüfen Sie, was Sie davon in den letzten zwei Wochen umgesetzt haben. Nur wenig? Dann überlegen Sie, was Sie daran gehindert hat. Wenn die äußeren Bedingungen nicht passen, dann gilt es, sich die Situationen zu gestalten, die uns aktivieren.

Prof. Dr. Heidi Möller (57) leitet das Fachgebiet „Theorie und Methodik der Beratung“ am Institut für Psychologie der Uni Kassel. Die gebürtige Dortmunderin hat Psychologie in Münster und Bochum studiert. Seit 2007 ist sie in Kassel. Möller ist verheiratet, lebt am Brasselsberg und gibt als Hobbys Fußball, Kino, Literatur und Tanzen an.

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