„Das hat es noch nie gegeben“

So will Kassel zur Fahrradstadt werden: 66 Millionen Euro für 86 Projekte

Fahrrad-Fahrer auf der Goethestraße in Kassel.
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Eine der meistbefahrenen Routen in der Stadt: Aus der Goethestraße wird bald eine Fahrradstraße.

Kassel will zur Fahrradstadt werden. Die Stadt stellt jetzt 86 Projekte für den Radverkehr vor.

Kassel – Laut Verkehrsdezernent Dirk Stochla hat es so etwas in Kassel noch nie gegeben. „Es ist die konkreteste, umfangreichste und am weitesten in die Zukunft wirkende Darstellung von Infrastrukturmaßnahmen“, sagte der SPD-Politiker gestern im Rathaus bei der Vorstellung seines Programms „Baustein Zukunft – Radverkehr“, mit dem Kassel die Verkehrswende voranbringen will.

86 Neu-, Um- und Ausbauprojekte „unter besonderer Berücksichtigung des Radverkehrs“ umfasst sein Plan, dessen wichtigste Botschaft lautet: Der Radverkehr wird nun nicht mehr nur einfach irgendwie mitgeplant, sondern ist zentraler Bestandteil, wenn Straßen und Wege in Kassel entstehen oder umgebaut werden.

Fahrradstadt Kassel: 86 Projekte sollen Verkehrswende voranbringen

Die dreiseitige Liste umfasst 86 Punkte, 40 Kilometer Hauptverkehrsstraßen, 39 Kilometer Nebenverkehrsstraßen und fünf Brücken. Dazu kommen 1800 neue Radstellplätze sowie zwei Fahrradparkhäuser am ICE-Bahnhof und am Rathaus, für die es allerdings noch keine genauen Standorte gibt.

Damit wird zum ersten Mal konkret, was sich in Kassel ändern soll, nachdem die Stadtverordneten voriges Jahr beschlossen haben, bis 2025 rund 66 Millionen Euro inklusive Fördermittel in den Radverkehr zu investieren. Die Liste zeigt, was wo gemacht werden soll, wann geplant und wann gebaut werden soll.

Ebenfalls bald Fahrradstraße: Die Schillerstraße verbindet Rothenditmold und die Kassler Innenstadt.

Kassel: Goethestraße wird zur Fahrradstraße

Für Georg Förster, Leiter des Straßenverkehrs- und Tiefbauamts, gibt es in den nächsten Jahren „zwei Meilensteine“. Neben der Goethestraße, die zur Fahrradstraße wird, hebt der Chefplaner die Druseltalstraße hervor, die zwischen Eugen-Richter- und Baunsbergstraße einen Radstreifen erhält: „Das ist die erste Hauptverkehrsstraße, auf der wir den Autofahrern für den Radverkehr Fläche wegnehmen.“

Weniger Platz für Autos: Auf der Druseltalstraße in Kassel entsteht ein Radstreifen.

Ebenso wichtig ist für die Radverkehrsbeauftragte Anne Grimm die Schillerstraße, die ebenfalls zur Fahrradstraße wird. Wer aus Rothenditmold Richtung Innenstadt will, muss dann nicht mehr die viel befahrene Wolfhager Straße benutzen, sondern kann entspannt den Weg im Grünen hinter dem neuen Fraunhofer-Institut nehmen. Um den Radverkehr zu erfassen, sollen zudem fünf Zählstellen eingerichtet werden.

Fahrrad fahren in Kassel: Plan ist ein „deutliches Zeichen“

Die Liste ist auch das Ergebnis des Austauschs im Arbeitskreis Rad, in dem unter anderem mehrere Radinitiativen sitzen. Der Radentscheid, sagt Stochla, „war ein Riesenanschub für uns“. Förster erwartet nun „teilweise kontroverse Diskussionen“ über das, was zuerst umgesetzt werden soll. Die ersten Reaktionen von Radfahrern sind allerdings positiv. Für Maik Bock vom Radentscheid liest sich die vorgestellte Liste „total gut“. Er vermisst lediglich die Weserstraße, die für Studenten eine wichtige Verbindung sei. Trotzdem sei der Plan „ein deutliches Zeichen, an dem sich die Stadt messen lassen muss“.

Ein unvorhergesehenes Hindernis auf dem Weg zur Verkehrswende in Kassel könnte Corona sein. Denn zwei Drittel der veranschlagten 66 Millionen Euro sind Fördermittel. „Inwiefern wir in Folge der Corona-Pandemie womöglich weniger Geld zur Verfügung haben, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehen“, sagt Stochla. (Von Matthias Lohr)

Wegen Corona fahren immer mehr Menschen Rad, doch die Fahrrad-Geschäfte in Kassel machen bis zu 90 Prozent Umsatzminus. Anders als in Berlin gelten sie nicht als systemrelevant. 

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