Vertrag gekündigt

Kasseler Tierheim bricht mit Stadt: „So wollen wir nicht weiterarbeiten“

Das Tierheim Wau-Mau-Insel gibt es seit mehr als 62 Jahren und kümmert sich unter anderem um verwahrloste Tiere. Nun wurde ein Vertrag mit der Stadt Kassel gekündigt.
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Das Tierheim Wau-Mau-Insel gibt es seit mehr als 62 Jahren und kümmert sich unter anderem um verwahrloste Tiere. Nun wurde ein Vertrag mit der Stadt Kassel gekündigt.

Das Tierheim Wau-Mau-Insel hat den Vertrag mit der Stadt Kassel gekündigt. Der Leiter der Tierschutzeinrichtung nennt dafür verschiedene Gründe.

Kassel – Zum Ende des Jahres ist die Zusammenarbeit des Tierheims Wau-Mau-Insel mit der Stadt Kassel beendet. Ein entsprechender Vertrag wurde vonseiten der Wau-Mau-Insel zum 31. Dezember 2021 aufgekündigt.

In dem Vertrag aus dem Jahr 2011 ist unter anderem festgelegt, dass das Tierheim an der Schenkebier Stanne 20 in Trägerschaft des Bunds gegen Missbrauch der Tiere sowohl Fundtiere aus der Stadt als auch sichergestellte Tiere in Obhut aufnimmt. Im Gegenzug erhält das Tierheim für die Bereitstellung dieser Dienste eine jährliche Pauschale von 250.000 Euro.

„Wir sind keine Tierpension zum Nulltarif“ – Tierheim kündigt Vertrag mit Stadt Kassel

„Wir würden auch weiterhin Fundtiere aufnehmen, das ist ja unsere Aufgabe“, sagt Karsten Plücker, der Leiter des Tierheims. Sie machten den Großteil der Tiere in der Wau-Mau-Insel aus. Das Problem seien aber die vom Veterinäramt sichergestellten oder in Obhut genommenen Tiere, die ins Tierheim kommen. Der Vertrag sei hier uneindeutig. Dies betreffe vor allem die Kostenerstattung bei Tieren, die von ihren Besitzern wieder abgeholt werden. „Wir können dafür kein Geld nehmen.“

So war es zuletzt gängige Praxis, dass das Veterinäramt in der Wau-Mau-Insel Tiere abgibt, etwa Hunde von Menschen, die eine Zeit im Gefängnis oder Krankenhaus verbringen, aber anschließende finanzielle Forderungen vonseiten des Tierheims wurden vereitelt. Plücker: „Wir sind doch keine Tierpension zum Nulltarif.“ Auch möchte er besser informiert werden, um die Situation und das finanzielle Risiko einschätzen zu können.

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Vielleicht besteht noch Hoffnung auf eine Einigung. Die Stadt Kassel bestätigt, dass der Bund gegen Missbrauch der Tiere den Vertrag über die Unterbringung von „Fundtieren, tierschutzrechtlich sichergestellten Tieren und Tieren, die aufgrund unvorhersehbarer und kurzfristig eingetretener Umstände von ihren Haltern vorübergehend nicht versorgt werden können“, fristgemäß zum Jahresende gekündigt hat. Es würden aber Gespräche mit der Wau-Mau-Insel geführt, so Dezernent Dirk Stochla, „mit dem Ziel, einen neuen Vertrag abzuschließen.

Parallel dazu werden auch andere Optionen geprüft“. „Es geht uns nicht ums Geld, sondern darum, dass wir Tierschutz machen wollen“, sagt Karsten Plücker, der Leiter der Wau-Mau-Insel. Deshalb habe man den Vertrag mit der Stadt gekündigt. Die Art und Weise, wie die Behandlung von sichergestellten Tieren im Vertrag ausgelegt werde, widerstrebe Plücker. Manchmal kämen im Wochentakt Tiere ins Heim, die vom Veterinäramt sichergestellt wurden, wie erst kürzlich 40 vernachlässigte Kleintiere – Vögel, Meerschweinchen, Kaninchen – aus einer Messi-Wohnung in Oberzwehren.

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Vergangene Woche kamen erneut 18 Wellensittiche in schlechtem Zustand ins Tierheim an der Schenkebier Stanne. Auslöser für die Entscheidung, den Vertrag zu kündigen, war für Karsten Plücker im vergangenen Jahr ein Welpentransport aus Südosteuropa, den das Veterinäramt in Kassel gestoppt hatte. Die Hundewelpen kamen ins Kasseler Tierheim, wo sie zwei Wochen lang aufgepäppelt und medizinisch versorgt wurden. „Wir haben die Tiere unter anderem von Hunderten von Zecken befreit“, erinnert sich Plücker.

Aus juristischen Gründen mussten die Hunde dann aber wieder an den Besitzer zurückgegeben werden. Informiert wurde die Wau-Mau-Insel darüber in einem Brief vom Rechtsanwalt des Hundehändlers. „Nach unserer jahrelangen Zusammenarbeit mit dem Veterinäramt ist das keine gute Art miteinander umzugehen“, sagt Plücker. Zudem sei niemand für die entstandenen Kosten aufgekommen.

„So wollen wir nicht weiterarbeiten“ - Tierheim in Kassel kritisiert Veterinäramt

Ein Ärgernis ist für Plücker auch, dass das Tierheim bei der Sicherstellung von Tieren – aus Datenschutzgründen – nicht darüber informiert werde, wer der Halter sei. So könne es passieren, dass sich der Halter den Hund nach einer Weile wieder aus dem Tierheim zurückhole, auch wenn man im Tierheim zu der Ansicht gekommen sei, dass das Tier von seinem Besitzer schlecht behandelt oder gar misshandelt worden war. „Aber wir wissen ja nicht, wer der Vorbesitzer war.“ Plücker: „Das geht gegen unser Selbstverständnis. So wollen wir nicht weiterarbeiten.“

Am Sonntag, 29. August, 12 bis 16 Uhr, findet im Tierheim ein Offener Sonntag statt. 2020/2021 mussten coronabedingt alle geplanten Veranstaltungen der Wau-Mau-Insel ausfallen. Jetzt können Gäste wieder die Tierheimbewohner kennenlernen, sich an Ständen über die Tierschutzarbeit in Kassel und Umgebung informieren und sich bei Kaffee, Kuchen und Plaudern mit Gleichgesinnten stärken. Auf ein Programm mit Flohmarkt wird in diesem Jahr verzichtet.

Das Tierheim Wau-Mau-Insel ist das größte Tierheim in Nordhessen. Es besteht seit 62 Jahren. Mehr als 1000 Tiere und ebenso viele Wildtiere, die ebenfalls gebracht werden, kommen im Lauf eines Jahres im Kasseler Tierheim unter. Es sind vor allem Hunde (550) und Katzen (250) sowie Kleintiere (200). Träger des Tierheims ist der Bund gegen Missbrauch der Tiere (bmt). (Christina Hein)

Viele Tierheime in Nordhessen sind seit Beginn der Corona-Pandemie überlastet. Ein Tierheim im Schwalm-Eder-Kreis ist zudem auf Spenden angewiesen.

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