Der evangelische Pfarrer Herbert Lucan verabschiedet sich nach fast 30 Dienstjahren in den Ruhestand

Der solidarische Seelsorger geht

Pfarrer Herbert Lucan hat sich für Menschen in der Arbeitswelt engagiert. Foto: Hein

Kassel. Man spürt es: In diesem Büro wurde Kopfarbeit geleistet, fanden Diskussionen statt, wurden Konzepte entwickelt, Probleme gewälzt und Lösungen gesucht. Der Raum wirkt wie die Küche einer Studenten-WG: Fotos und Poster an den Wänden, darunter eines, das Willy Brandt zeigt: rauchend, Gitarre spielend. Kaffeetassen stehen herum, Bücher stapeln sich.

In der Mitte steht ein Umzugskarton: untrügliches Zeichen dafür, dass Pfarrer Herbert Lucan (64), der hier lange residierte, sein Büro räumt. „Komisch“, sagt er und grinst: „Da weiß man seit Jahren Bescheid und trotzdem kommt der Abschied überraschend.“

Fast 30 Jahre lang war Lucan Kopf und Herz des Referats Kirche und Arbeitswelt innerhalb der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck. Die Bezeichnung änderte sich, ebenso Lucans Standort im Landeskirchenamt. Er erlebte wechselnde Gesprächspartner: allein vier Arbeitsamtsleiter, drei Handwerkskammerpräsidenten und vier Gewerkschaftssekretäre. „Da haben sich im Laufe der Jahre Vertrauensbeziehungen gebildet“, sagt er. „Aber vormachen konnte mir keiner was.“

Als frischgebackener Gemeindepfarrer an der Immanuelkirche im Forstfeld hatte Lucan 1981 die Aufgabe Sozialpfarrer im Industriebereich als Nebenamt übernommen. 1993 wurde er hauptamtlicher Leiter des Bereichs Kirche und Arbeitswelt und führte zeitweise ein zehnköpfiges Team.

„Mir war es wichtig, solidarisch zu sein. Ich wollte, dass die Menschen die Hoffnung nicht verlieren.“

Pfarrer Herbert Lucan

Das Forstfeld und die seelsorgerische Arbeit in einem Umfeld, das von Angst um den Arbeitsplatz und sozialen Problemen bestimmt war, stellten für den jungen Pfarrer entscheidende Weichen. Er setzte sich mit der Arbeitswelt auseinander und betrat damit kirchliches Neuland.

Reihenweise schlossen in den 80er-Jahren die großen Arbeitgeber im Osten ihre Tore: Das Enka-Werk, Hagen-Batterie, Binding, AEG. Die Arbeitslosenquote schoss im Stadtteil auf 30 Prozent hoch. „Es war dramatisch“. Der Pfarrer mischte sich ein, war Seelsorger und Sprachrohr der Menschen. „Wir konnten keine Schließung verhindern, aber wir haben in Gesprächen mit Politikern und Arbeitgebern Sozialpläne und Abfindungen ausgehandelt.“ Lucan ließ die Betroffenen nicht allein, engagierte sich bei der Bildung von Arbeitslosenzentren und Bildungsinitiativen. Er machte sich für einen zweiten Arbeitsmarkt stark und trat gegenüber dem damaligen Ministerpräsidenten Holger Börner als Anwalt der Arbeiter auf. „Mir war es wichtig, solidarisch zu sein. Ich wollte, dass die Menschen die Hoffnung nicht verlieren.“ Als „die ausgestreckte Hand der Kirche in die Arbeitswelt“ bezeichnete ihn der damalige Bischof Christian Zippert.

Im Rückblick habe er festgestellt, dass er doch stärker vom Geist der 1968er-Bewegung seiner Studienzeit in Marburg und Göttingen geprägt war als angenommen. Auch die Diaspora-Situation seiner Kindheit in Tann in der Rhön, einer protestantischen, sozialdemokratischen Enklave im katholischen Fuldaer Land, habe ihn beeinflusst.

Den Ruhestand will er jetzt nutzen, um künftig mehr mit seiner Frau, einer Kindergartenleiterin, zu unternehmen.

Von Christina Hein

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