Auch bei mildem Wetter haben es die Tiere schwer

Soll man Vögel im Winter wirklich füttern?

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Zwischen 15 und 20 Millionen Euro geben Deutsche pro Winterzeit für Futtermischungen aus: Hier genießt eine Kohlmeise einen Leckerbissen.

Die Zahl der Singvögel geht zurück, draußen ist es bitterkalt. Doch soll man im Winter überhaupt füttern - etwa mit Meisenknödeln? Oder sollte man der Natur ihren Lauf lassen?

Glaubt man der Aktion "Stunde der Wintervögel", ist es fünf vor zwölf. Die an vielen Orten Deutschlands vorgenommene Zählung ergab, dass der Bestand von Singvögeln weiter schrumpft. Zugleich fragen sich viele im Internet, ob man Vögel im Winter überhaupt füttern soll. Wir haben einige der meist gegoogelten Fragen herausgepickt und sie mithilfe des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), dem Landesverbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) und zwei Vogelexperten aus der Region geklärt. 

1. Frage: Soll man Vögel überhaupt füttern?

Der Streit um Fütterungen währt schon lange unter Vogelfreunden. „Früher war angedacht, nur in strengen Wintern mit viel Schnee und Frost zu füttern“, sagt Manfred Henkel, Vorsitzender der Nabu-Gruppe Kaufungen/Lohfelden. Doch diese Theorie sei mittlerweile überholt. „Angesichts der Tatsache, dass immer weniger Insekten vorhanden sind, ist es wichtig, Vögel zu füttern, auch ganzjährig.“

Eine wissenschaftliche Empfehlung, ob und wie man das ganze Jahr über Vögel füttern soll, gibt es laut dem LBV noch nicht, dazu wären weitere Studien nötig. Trotzdem wirkt das sich Füttern positiv auf das einzelne Tier aus und sorgt etwa für verringerten Stress, schnelleren Federnwuchs und ein stärkeres Immunsystem.

Der positive Effekt kann aber auch schnell ins Gegenteil umschlagen, warnt Harald Haag von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) im Kasseler Raum. Damit ist vor allem die Hygiene gemeint. „Das ist wie im Wartezimmer beim Arzt. Wenn ein Vogel zum Beispiel mit Salmonellen infiziert ist, ist die Gefahr groß, dass sich andere Individuen anstecken.“

Im Sommer sind Vögel beim Baden besonders putzig anzusehen, aber das Wasser kann unter Umständen zu einem Befall mit sogenannten Trichomonaden führen. Die Krankheitserreger befallen besonders Grünfinken und sind in allen Fällen tödlich.

Findet man kranke oder tote Vögel im Garten, sollte man Sommerfütterungen sofort bis zum nächsten Winter einstellen, empfiehlt der Nabu. Bei kalten Temperaturen lässt es sich leichter für die notwendige Hygiene sorgen, gefüttert wird laut dem Nabu meistens von November bis Ende Februar.

2. Frage: Wie sollte man Vögel am besten füttern?

Um Vögel lange eine Freude zu bereiten, sollte man sich an einige Regeln halten. Am besten sind Futterspender geeignet, wo das Futter von oben nach unten durchrutscht und sich die Vögel ihre Körner einzeln abholen. So sitzen die Vögel nicht im Futter und verkoten es nicht. Geeignete Futtersilos sollten auch starkem Wind, Schnee und Regen standhalten und sind „wartungsfrei“. Hängende Einrichtungen sind außerdem von Feinden schwerer zu erreichen. Futterhäuschen dagegen sollte man regelmäßig reinigen und immer nur wenig Futter nachlegen. „Damit sich keine Feinde wie Katzen anpirschen können, sollten Futterplätze nicht direkt neben einem Busch platziert werden“, rät Haag.

Glasscheiben können zur tödlichen Falle werden, daher diese bei Bedarf mit Aufklebern versehen. Paradox: Je näher die Futterstelle am Fenster ist, desto geringer die Gefahr, dass Vögel gegen die Scheibe fliegen. Wenn sie aufgeschreckt werden, haben sie nicht so eine hohe Fluggeschwindigkeit, daher entweder direkt am Fenster oder in weiter Entfernung davon füttern.

Damit keine Ratten angelockt werden, sollte man das Futter nicht auf den Boden streuen. Füttern ist auch auf dem Balkon erlaubt, solange Tauben keinen Zugang dazu haben.

3. Frage: Womit sollte man Vögel am besten füttern?

Ungeeignet sind vor allem gewürzte und gesalzene Speisen wie Speck oder Salzkartoffeln. Salz kann das Nervensystem der Vögel schädigen. Auch keine Brotkrümel oder ungekochten Reis, das quillt im Magen der Vögel auf.

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden: Weichfutterfresser wie Rotkehlchen, der Zaunkönig oder Stare fressen nur sehr feine Sämereien. Haferlfocken, Mohn oder Rosinen nehmen sie gerne an. Körnerfresser wie Finken, Sperlinge oder Ammern knacken mit ihrem kräftigen Schnabel auch Sonnenblumenkerne. Als Allesfresser stellen sich Meisen und Specht im Winter auf Körner um, wie Sonnenblumenkerne und Mohn.

Vogelexperte: Fütterungen helfen gefährdeten Tierarten nicht

Ein Rekord sorgt 2018 für Freude unter Ornithologen: 3,3 Millionen Vögel sind bei der Aktion „Stunde der Wintervögel“ des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) gezählt worden. „Noch ist daraus kein Sport geworden wie in Großbritannien, aber tendenziell füttern auch in Deutschland immer mehr Menschen Vögel“, so Julian Heiermann vom Nabu-Bundesverband. Aber das ist keine Entwarnung.

Kein Artenschutz

„So schön sich das mit der Ganzjahresfütterung anhört, wir erreichen damit nur die Arten, die sowieso schon häufig vorkommen“, sagt Manfred Henkel, Vorsitzender der Nabu-Gruppe Kaufungen/ Lohfelden. Im Kasseler Raum sind vor allem die Grünfinken und Dompfaffen in ihren Beständen zurückgegangen. Untersuchungen zeigen allerdings: Von den Fütterungen in Städten und auf dem Land profitieren, egal ob im Winter oder im Sommer, nur etwa 10 bis 15 Arten, wie Meisen, Finken oder Drosseln.

Gefährdete Arten haben wenig davon. „Im Kasseler Raum ist zum Beispiel das Braunkehlchen ausgestorben, die Kiebitze stehen kurz davor“, so Harald Haag von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) im Kasseler Raum. „In den 70er-Jahren sind 103 Kiebitz-Paare rund um Kassel gezählt worden, nun sind es nur noch zwei oder drei, die haben keine Chance.“ Diese Arten seien nämlich an spezielle Lebensräume gebunden, wie feuchte Wiesen und Äcker. Fütterung von Vögeln sei dementsprechend kein Ersatz für natürlichen Lebensraum.

Gefahr Landwirtschaft

Durchs Füttern kann man vor allem den Altvögeln helfen, aber die Jungvögel sind auf Insekten angewiesen. „Durch die intensive Landwirtschaft, und weil fast alles totgespritzt wird, fehlen diese aber. Hier muss sich langfristig etwas ändern“, fordert Henkel, der weitere Probleme sieht: Riesige Monokulturen wie Mais- oder Rapsäcker breiten sich bis zu den Feldwegen aus. Wo früher noch am Randstreifen normale Vegetation wie Disteln wachsen konnten, finden die Vögel dort heute keine Nahrung mehr. Zwar würden viele Landwirte mittlerweile mit Naturschutzverbänden kooperieren, aber Ökolandbau müsse noch mehr gefördert werden.

Sich mehr Garten gönnen

Gärten spielen laut dem Landesverbund für Vogelschutz in Bayern mit einer Gesamtfläche von über 10 000 Quadratkilometern in Deutschland eine große Rolle als Lebensraum. Dabei haben es Gartenbesitzer selbst in der Hand. „Je natürlicher, desto weniger notwendig ist das zusätzliche Füttern“, so Henkel. Wer Einheitsrasen, eintönige Hecken sowie Unkrautvernichtungsmittel wie Schneckenkorn verbannt, bietet Platz zum Leben für Insekten und trägt damit auch zum Artenschutz von Vögeln bei.

Hintergrund: Nabu empfiehlt Meisenknödel ohne Netze

Da sich Meisen schnell mit ihren Krallen in den Netzen verfangen können, kann man Meisenknödel ohne Netze zum Aufhängen auch selbst herstellen. Dazu braucht man:

• 150 Gramm Fett (wie Rindertalg). Bei anderen Fettsorten zuerst testen, ob sie bei zehn Grad Außentemperatur ausreichend aushärten.

• 150 Gramm Körnermischung

• ein Stück Kordel

Das Fett vorsichtig erhitzen, jedoch nicht über den Schmelzunkt, da es sonst stinkt. Die Körner dazugeben. Ein Schuss Speiseöl verhindert, dass das Fett zu hart wird und bröckelt. Das erkaltende, noch formbare Gemisch zu Knödeln formen und das Seil einarbeiten, damit man die Knödel aufhängen kann. Die Masse kann man aber auch einfach an einen Baum streichen.

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