Zwischen internationalen Gästen genossen Tausende Nordhessen am Wochenende das Flair der documenta

Ein Sommer zum Sattsehen - documenta-Flair in Kassel

Interessante Gestalten mischen das Stadtleben auf: Hinter der Cyber-Brille verbirgt sich der Italiener Claudio Di Bene. Unter neugierigen Blicken des Publikums vor dem Fridericianum malt der Computerkünstler mit seiner Feder Skizzen in die Luft, die dann per Datenübertragung auf dem Monitor seines Tablet-Computers auftauchen. Fotos:  Koch

Kassel. Susanne Zwimpfer-Thoma ist ein wenig neidisch auf die Kasseler. „Wer hier lebt und den ganzen Sommer in der Stadt verbringen kann, hat Glück“, sagt die Schweizerin aus der Nähe von Zürich.

Mit ihrem Mann gehört sie zu den ersten Besuchern, die am Samstag zum documenta-Auftakt angereist sind und zwischen Friedrichsplatz und Aue die künstlerisch befruchtete Atmosphäre Kassels einsaugen. Tausende Nordhessen tun es ihnen gleich, flanieren, gucken und entdecken. Kunstaktivisten, Straßen-Entertainer und exzentrisch gekleidetes Kulturvolk prägen nun wieder 100 Tage lang das Geschehen in der Innenstadt.

Spray-Bilder von Robinson Miguelles

Ein Faible für moderne Kunst ist keine Voraussetzung, um all dies zu genießen. Wer dieses Interesse mitbringt, profitiert jedoch umso mehr. Man lese „ja nur tolle Kritiken“, sagt das Schweizer Paar, das sich auf der Einfassung von Song Dongs Nichtstuer-Garten vor der Orangerie niedergelassen hat und im d13-Führer blätternd einen ersten Überblick zu gewinnen versucht. „Da braucht man ja Tage, bis man allein die Aue gesehen hat“, staunt Susanne Zwimpfer-Thoma. Immerhin drei Tage, so Marcel Zwimpfer, haben die beiden Zeit für ihr persönliches Kassel-Erlebnis.

Anfängliche Skepsis ist verflogen: Arnold und Gisela Bachmann aus Ehlen wollen im documenta-Sommer so oft wie möglich zum Gucken nach Kassel fahren.

Arnold und Gisela Bachmann gehören zu den Privilegierten, die keinen weiten Weg zum documenta-Geschehen haben. Sie wohnen in Ehlen und planen, „jeden zweiten Tag“ zum Gucken nach Kassel zu fahren. Was sie bisher von der Schau mitbekommen haben, finden sie spannend: „Wir dachten erst, da kommt so ein Dreckhaufen vor die Orangerie, der die ganze Aue verschandelt“, sagt Arnold Bachmann, meint aber inzwischen: „Jetzt, wo es fertig ist, sieht das doch ganz hübsch aus.“ Das gelte auch für den Schmetterlingsgarten, meint Gisela Bachmann, auch wenn sich unwillkürlich der gärtnerische Eigenheim-Reflex melde: „Man möchte da gleich zu jäten anfangen“, lacht die Ehlenerin, die schon ein persönliches Lieblingskunstwerk gefunden hat: „Diesen weißen Geist in der Aue finde ich toll.“

Gastfreundlich: Im Wüstenzelt in der Aue serviert Hourriya Belal den Besuchern Minztee.

Viele spontane Begegnungen mit der Kunst finden an diesem Wochenende statt. Um das getreidegesäumte Betonbecken vor der Orangerie, in dem gemächlich eine künstliche Meereswelle schwappt, sammeln sich Familien, die Räder und Kinderwagen schieben. Künstlerischen Interpretationszwang tut sich kaum jemand an, das Material ist als solches interessant: „Das ist auf jeden Fall Gerste“, sagt eine Betrachterin mit agrarisch geschultem Blick über die Begrünung.

Mehr zur documenta auf www.mydocumenta.de

Zwischen Gästen aus ganz Deutschland und der Welt begegnen sich immer wieder die Kasseler und kommen über die Kunst ins Gespräch. „Wir kommen gerade von Finke“, ruft ein Aue-Passant einem Bekannten zu: „Bevor wir wiederkommen, müssen wir uns erst mal sachkundig machen.“

Kann man wie gesagt machen, muss man aber nicht. So oder so: Der Kunst-Sommer in Kassel wird spannend.

Von Axel Schwarz

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