Notfalltaschen waren schon gepackt

Urlaub im Inferno: So hat eine Familie aus Kassel die heftigen Waldbrände bei Athen miterlebt

Nur noch Asche: Michael Volk und Karoline Zorbas-Volk mit ihren Kindern Leander (11), Philimon (9) und Milon (2) vor den Überresten der Pinienwälder und Olivenhaine bei Agios Stefanos nahe Athen.
+
Nur noch Asche: Michael Volk und Karoline Zorbas-Volk mit ihren Kindern Leander (11), Philimon (9) und Milon (2) vor den Überresten der Pinienwälder und Olivenhaine bei Agios Stefanos nahe Athen.

Dramatische Tage hat eine Familie aus Kassel hinter sich: Sie haben die heftigen Waldbrände bei Athen hautnah miterlebt. Wir haben mit den Augenzeugen telefoniert.

Kassel/Athen – Der Brandrauch hat sich verzogen, Strom und Wasser fließen wieder, und bei 36 Grad setzt fast so etwas wie Erfrischung ein. Die Familie Zorbas-Volk aus Kassel kann seit wenigen Tagen aufatmen in ihrem Urlaub in Athen.

In den vergangenen Tagen haben schwere Brände in der Region nördlich der Hauptstadt gewütet – nur wenige Kilometer vom Elternhaus von Karoline Zorbas-Volk im Vorort Drosia entfernt. Dort verbringt das Paar aus Kassel, das drei Söhne hat, jeden Sommer seine Ferien.

Urlaub mitten im Inferno: Nicht das erste Mal Griechenland für die Familie aus Kassel

Brände hat die 43-Jährige seit ihrer Kindheit in Griechenland immer wieder erlebt, aber so verheerend sei es noch nie gewesen, sagt sie. Zurückgeblieben sei eine „Geisterlandschaft“. Zweimal hatte die Familie in der vergangenen Woche schon die Taschen gepackt und rechnete mit der Evakuierung. Die erste Notfallmeldung ging am Donnerstag gegen Mitternacht ein, berichtet Michael Volk, der in Kassel bis zum Ende der Spielzeit Chefdramaturg am Staatstheater war und künftig an der Waldorfschule arbeitet.

Mit dem kostenlosen Kassel-Newsletter keine Nachrichten mehr aus der Stadt verpassen.

Das Warnsystem habe sehr gut funktioniert, sagt der 53-Jährige. Alle Handys, die im Netz der Brandregion eingeloggt sind, erhielten eine Alarmnachricht. Nachdem es im Sommer 2018 schwere Brände mit vielen Toten gab, habe sich viel verbessert. Auch am Freitagnachmittag habe man noch mal gezittert und damit gerechnet, das Haus zurücklassen zu müssen, berichten die Kasseler. Doch der Kelch ging knapp an ihnen vorüber.

Urlaub in Griechenland: Inferno verdunkelt sogar die Sonne

Ein beklemmendes Gefühl begleitete sie aber noch bis zum Ende der Woche. Flugzeuge und Hubschrauber mit Wasserkörben flogen pausenlos über das Haus, dicker Rauch verdunkelte den Himmel, sodass die Sonne mitunter nur noch als schwacher oranger Punkt zu sehen war – „wie das Standby-Licht einer Stereoanlage“, beschreibt es Michael Volk.

Feuersbrunst im Fernglas: Leander (11) beobachtet die Brände.

Tagelang habe es Asche geregnet. „Jeden Morgen konnte man die Tische fegen.“ Zeit im eigentlich malerischen Garten der Großeltern verbringen, der mit Pistazien, Oliven und Wein bewachsen ist, konnte die Familie aber diesmal ohnehin kaum. Zu dick war die Luft, zu hoch die Feinstaubbelastung. Aber auch im Haus war es bei über 40 Grad Außentemperatur ohne Klimaanlage kaum auszuhalten.

Feuer im Urlaub: Mittlerweile sind die Feuer bei Athen unter Kontrolle

Seit Sonntag sind die Brände bei Athen endlich unter Kontrolle, auf der Insel Euböa wütet weiter Feuer. Im Land ist unterdessen eine Debatte entbrannt, dass zu den Feuern jenseits der Hauptstadt nicht genug Einsatzkräfte geschickt wurden. Seit der Wirtschaftskrise 2008 und den Vorgaben der EU stehe Griechenland unter massiven Sparzwang und könne nicht so viele Löschflugzeuge vorhalten, wie es jetzt nötig gewesen wäre, sagt Michael Volk.

Parallel steigt mit dem Klimawandel die Zahl der Brände. Über die entsendeten Hilfskräfte und Löschfahrzeuge aus Nachbarländern und auch Deutschland sei man in Griechenland nun sehr dankbar.

Urlaub in Griechenland: Familie aus Kassel konnte ans Meer fahren

Auch Karoline Zorbas-Volk ist erleichtert, dass ihre Familie und das Elternhaus, das für sie voller Erinnerungen steckt, unversehrt geblieben sind. Am Mittwoch konnte sie mit ihrem Mann und den drei Kindern erstmals ans Meer fahren. Erst da habe gemerkt, wie viel Anspannung nach den dramatischen Tagen von ihr abfiel. Gleichwohl habe es sie tieftraurig gestimmt, die verbrannte Landschaft zu sehen. Die Brände hätten mit den weitläufigen Wäldern die „grüne Lunge“ Athens zerstört, sagt ihr Mann Michael. „Das ist ein ökologisches Desaster“.

Erleichtert, dass alle wohlauf sind: Michael Volk und Karoline Zorbas-Volk im Garten der Familie in Drosia bei Athen.

Am Samstag kehrt die Kasseler Familie zurück nach Kirchditmold. Anders als manch ein Tourist hadere sie nicht damit, dass dieser Urlaub wenig erholsam war und als Brandsommer in Erinnerung bleibe, sagt Karoline Zorbas-Volk. „Dafür bin ich hier zu sehr verbandelt.“ Auch zurück in Deutschland werden ihre Gedanken bei den Menschen in Griechenland sein, die im Feuer alles verloren haben. (Katja Rudolph)

Nicht nur in Griechenland halten Waldbrände die Einsatzkräfte in Atem - eine Nasa-Karte aus dem Weltall zeigt das erschreckende Ausmaß der Brände weltweit. Zudem ist erst einmal in vielen Urlaubsregionen in Südeuropa keine Erholung in Sicht - es wird ein möglicher Hitzerekord von fast 50 Grad erwartet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.