Bauprojekte beeinflussen das Stadtklima in der Kasseler Kessellage

Sorgen um die Luft in Kassel: Frischluftschneisen durch Neubauten in Gefahr?

Soll bebaut weden: Das Ackerland zwischen der Hohefeldstraße und der Gänseweide liegt zwischen Nordshausen und Brasselsberg.
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Soll bebaut weden: Das Ackerland zwischen der Hohefeldstraße und der Gänseweide liegt zwischen Nordshausen und Brasselsberg.

Der Klimawandel wird sich auf Kassel deutlich stärker auswirken als auf viele andere Großstädte und das nordhessische Umland. Dies liegt an der Kessellage der von Höhenzügen umgebenen Stadt. Nun sehen viele die wichtigen Frischluftschneisen in Gefahr.

Kassel - Tallage und dichte Bebauung behindern in Kassel den Luftaustausch, was zu einer stärkeren Erwärmung führt. Umso wichtiger sind Frisch- und Kaltluftschneisen. Weil in deren Verlauf aber immer neue Bauprojekte entstehen, sind die Sorgen um eine Erhitzung des Stadtklimas groß.

Klimafunktionskarte

Überblick über den Luftaustausch: Kasseler Klimafunktionskarte.

In regelmäßigen Abständen wird für Kassel – wie für alle Großstädte und Ballungsräume – eine Klimafunktionskarte erstellt. Jüngst wurde sie aktualisiert. Basis dafür ist ein klimaökologisches Gutachten, das die Gegebenheiten vor Ort analysiert. Das Verfahren ist nach einer Richtlinie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) standardisiert, damit die Ergebnisse vergleichbar mit anderen Städten sind. In das Gutachten fließen Daten zur Landnutzung, Luftbilder, Höhenmodelle, eine Windanalyse, die Vegetationsverteilung, der Versiegelungsgrad, die Gebäudevolumen und Daten der Luftmessstationen ein.

Frische und kalte Luft

Die großen Frisch- und Kaltluftgebiete liegen am Rand der Stadt – unter anderem im Habichtswald. Von dort fließt die Luft durch Schneisen – so genannte Luftleitbahnen – in Richtung Zentrum. Wie gut die Luft dorthin gelangt, liege an der Bebauung, sagt Carsten Menke vom Umweltamt der Stadt. Kalte Luft fließe wie Wasser in Bodennähe die Täler herunter. Während einzelne Häuser kein Hindernis darstellten, weil die Luft drumherum fließen könne, wirke eine geschlossene Bebauung wie eine Barriere. Davor staue sich die Luft.

Auch über flachere Gebäude und andere bauliche Hindernisse könne frische Luft strömen. In diesen Überströmungsbereichen sei noch ein Luftaustausch gewährleistet.

Neben den großen Luftleitbahnen, die sich wie Korridore durch die Stadt ziehen, gibt es zahlreiche Flächen, die mikroklimatische Funktionen für deren unmittelbares Umfeld haben. Dazu zählen etwa kleine Grünanlagen, Kleingartenvereine, Friedhöfe etc. Sie wirken sich aber eben nur für den unmittelbaren Nahbereich positiv aus.

Wachsende Stadt

Kassel wächst. Für Wohnraum, aber auch Gewerbe werden immer mehr Flächen versiegelt. Vor der Genehmigung eines Neubauvorhabens durch die Stadt werde überprüft, was das jeweilige Projekt für die Klimafunktion des jeweiligen Grundstücks bedeute, erläutert Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne). „Grundsätzlich gilt: Kaltluftschneisen müssen funktionsfähig sein. Das heißt aber nicht, dass dort kein Haus stehen darf. Wenn sie zu 95 Prozent funktionsfähig sind, gilt dies auch als funktionsfähig“, so Nolda weiter.

Ziel der Stadt sei es, „die thermischen Belastungen durch den Klimawandel auf ein erträgliches Maß zu begrenzen“, so Nolda. Klar sei aber auch: „Wer auf dem Acker oder der grünen Wiese baut, der macht was kaputt.“ Zwar würden den Bauherren Ausgleichsmaßnahmen wie etwa Baupflanzungen auferlegt. „Aber man kann nicht alles ausgleichen, was man durch Neubauten zerstört“, so der Stadtbaurat.

Kritik an Bauplänen

In jüngster Vergangenheit sind zahlreiche Neubauprojekte im Umfeld von Luftleitbahnen geplant und zum Teil sogar schon umgesetzt worden. Dazu zählen etwa das Neubaugebiet „Zum Feldlager“ in Harleshausen, das geplante Wohnviertel an der Hohefeldstraße in Nordshausen, die Wohnbaupläne für die Dönche-Randbebauung im Norden von Nordshausen und die jüngst vorgestellten Pläne für die Bebauung rund um das ehemalige Kinderkrankenhaus Park Schönfeld in der Südstadt. In der Luftschneise, die den Park Schönfeld mit der Karlsaue verbindet, soll unter anderem ein Hochhaus mit 14 Geschossen entstehen. Kritiker halten dies mit Blick auf den Klimawandel für eine falsche Entwicklung.

Reaktion der Stadt

Im Baugebiet „Zum Feldlager“ entstehen derzeit knapp 200 neue Wohnungen. Entlang des dortigen Geilebaches läuft eine Luftleitbahn, die durch die Bebauung beeinträchtigt wird. Stadtbaurat Nolda sieht dadurch ihre Funktion aber nicht gefährdet, da die Neubauten nur an die Luftleitbahn angrenzten. Zudem seien die Häuser so angeordnet, dass die Luft weiter fließen könne. Weil durch den Neubau ein Acker verschwunden sei, gehe natürlich eine Entstehungsfläche für frische Luft verloren.

In den Bebauungsplänen für den nördlichen Ortsrand von Nordshausen seien grüne Schneisen eingeplant, damit die Luft auch nach einer Bebauung bis an den heutigen Ortsrand fließen könne, so Nolda. Die Planungen seien weit fortgeschritten, allerdings fehlten der Stadt noch nötige Grundstücke.

Die Pläne für die Bebauung der Ackerflächen zwischen Hohefeldstraße und Gänseweide, wo fast 100 Wohnungen geplant sind, beeinflussten keine Luftleitbahnen.

Das Bauvorhaben am früheren Kinderkrankenhaus reiche zwar in die Luftleitbahn zwischen Park Schönfeld und Karlsaue hinein, aber ein schmales Hochhaus stelle kein Problem dar. Zudem sei es nicht so wesentlich, wenn die Luft an dieser Stelle nicht ungehindert fließen könne, weil in der Karlsaue niemand darunter leide. (Bastian Ludwig)

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