NACHRUF  Sie fühlte sich dem Erbe ihrer Schwiegermutter Elisabeth Selbert verpflichtet

Sozialdemokratin Ruth Selbert (96) gestorben

Ruth Selbert wurde 96 Jahre alt: Unsere Aufnahme zeigt die Kasselerin 2015 im Alter von 90 Jahren.
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Ruth Selbert wurde 96 Jahre alt: Unsere Aufnahme zeigt die Kasselerin 2015 im Alter von 90 Jahren.

Am Samstag, 13. Februar, ist Ruth Selbert im Alter von 96 Jahren in Kassel gestorben. Die engagierte Sozialdemokratin war die Schwiegertochter Elisabeth Selberts, einer der Mütter des Grundgesetzes.

Kassel. „Der Name verpflichtet“, hatte Ruth Selbert aus Anlass ihres 90. Geburtstags vor sechs Jahren gesagt. Dass sie immer wieder auf ihre berühmte Schwiegermutter Elisabeth Selbert angesprochen wurde, sei ihr nie Last, sondern immer eine „Selbstverständlichkeit und Ehre“ gewesen.

Darauf, dass es Elisabeth Selbert war, die für den Gleichberechtigungsparagrafen in der deutschen Verfassung gesorgt hatte, sei sie stets stolz gewesen. Ihr Verhältnis zur Schwiegermutter sei von „Respekt, Zuneigung und Vertrautheit“ geprägt gewesen. Im Jahr 2003 hatte sie deren Nachlass an das Kasseler Archiv der deutschen Frauenbewegung übergeben.

Dabei musste Ruth Selbert in niemandes Schatten stehen, sondern war selbst eine verdiente Persönlichkeit der Stadtgesellschaft und eine selbstbewusste Politikerin.

Der SPD gehörte sie seit 1952 an, wo sie sich über viele Jahre als Vorsitzende in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen Nordhessens und im Parteirat der SPD in Bonn engagiert hatte. Auch in der Awo war sie aktiv. Mit weit über 80 Jahren leitete sie sogar noch einen Awo-Senioren-Club.

Von 1973 bis 1985 war Ruth Selbert  Stadtverordnete in Kassel und ab 1976 Mitglied des Präsidiums. Während dieser Zeit lag ihr insbesondere die Arbeit in der Bau- und Planungskommission und in der Kunst- und Kulturkommission am Herzen.

1985 wurde sie in den Magistrat der Stadt Kassel als ehrenamtliche Stadträtin gewählt. Dieses Amt hatte sie bis 1993 inne. Zuletzt war sie Ehrenvorsitzende in diversen Vereinen und trug den Titel „Stadtälteste“. Als sie 1993 beschloss, für kein politisches Mandat mehr zu kandidieren, begründete sie das mit dem augenzwinkernden Argument, sie wolle vermeiden, „eine unduldsame alte Frau“ zu werden. Sie wurde mit der Stadtmedaille und dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Einen Namen machte sich Selbert als langjährige Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Sie habe gesehen, wie in ihrer Heimatstadt Melsungen von einem Nazi-Mob die Synagoge zerstört wurde. Dieses und andere Erlebnisse hatten sie geprägt, erzählte sie. Eines ihrer letzten Vorhaben war ein Buchprojekt über ihre Kindheit in der Nazizeit.

Ruth Selbert, die in Sangerhausen/Thüringen geboren wurde, hatte ihre Kindheit in Heinebach und Melsungen verbracht. Bevor sie durch ihre Heirat mit Gerhart Selbert 1951 nach Kassel kam, besuchte sie die Handelsschule, erlernte den Beruf der Technischen Zeichnerin und holte nach dem Krieg, 1949, das Abitur nach. Mit ihrem Mann, der in Kassel zuletzt als Finanzamtschef tätig war, hat sie zwei Kinder, Susanne und Axel Selbert. „Unsere Mutter war ein sozial hochengagierter Mensch, der sich immer um seine Mitmenschen bemüht und gekümmert hat“, sagt Susanne Selbert. Das soziale Miteinander sei ihr großes Anliegen gewesen. In den letzten Jahren war es um die Hochbetagte stiller geworden. Sie lebte zuletzt im Aschrott-Altersheim und hinterlässt zwei Kinder, drei Enkel und zwei Urenkel. Christina Hein

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