Wohin nach der Haft?

Zuhause auf Zeit: Soziale Hilfe bietet entlassenen Häftlingen Obdach in Kassel

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Besuch von der Justizministerin: Mitarbeiterin Barbara Hakenbeck-Gibhardt (von links) und Geschäftsführer Michael Kurz vom Verein Soziale Hilfe zeigten Eva Kühne-Hörmann die Übergangswohnung für Hafturlauber und Haftentlassene.  

Kassel. Wohin nach der Entlassung aus der Haft? In Kassel bietet der Verein Soziale Hilfe Häftlingen, nachdem sie ihre Strafe verbüßt haben, eine Übergangswohnung.

Ein Bett, ein Korbsessel und ein Schreibtisch – das Zimmer ist einfach, aber hell und freundlich. Und: Es gibt keine Gitter vor den Fenstern. Hier finden ehemalige Häftlinge ein erstes Zuhause in Freiheit. Seit über 20 Jahren bietet der Verein Soziale Hilfe Freigängern und Haftentlassenen ein Zuhause auf Zeit. In dem Apartment in zentraler Lage, das Platz für bis zu drei Personen bietet, können die Menschen die ersten Schritte zurück in ein normales Leben gehen.

„Für die Betroffenen ist die Wohnung Gold wert“, weiß Barbara Hakenbeck-Gibhardt. Denn auf dem ohnehin engen Wohnungsmarkt haben sie schlechte Karten – erst Recht, wenn sie noch aus der Haft heraus ein Zuhause für die Zeit danach suchen. „Was sollen sie sagen, wenn der Vermieter einen Besichtigungstermin anbietet: Tut mir leid, ich bin noch im Gefängnis?“, schildert die Sozialpädagogin die Probleme ihrer Schützlinge. Die Chancen stünden besser, wenn sie sich als freie Menschen und mit einer normalen Postadresse um eine Wohnung bewerben können.

Die Übergangswohnung werde von alleinstehenden Menschen ohne soziale Kontakte genutzt. „Hier fallen sie weicher, als wenn sie auf Unterkünfte in sozialen Brennpunkten zurückgreifen müssen“, sagt Hakenbeck-Gibhardt. Letztlich träumten alle von einem Neuanfang und einem straffreien Leben – dazu müsse man ihnen die Chance geben. Auch Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) ist von dem Angebot überzeugt, das vom Land Hessen pro Jahr mit 3000 Euro unterstützt wird. Ziel sei, die Haftentlassenen vor der Obdachlosigkeit und einem erneuten Abrutschen in kriminelle Milieus zu bewahren, sagte die Ministerin gestern bei Ihrem Besuch in der Übergangswohnung, die derzeit unbewohnt ist. Im Schnitt sei sie zu 40 Prozent ausgelastet, berichtete Soziale-Hilfe-Geschäftsführer Michael Kurz.

Der Verein ist in Kassel vor allem für sein Engagement in der Obdachlosenhilfe bekannt. Er bietet aber auch Straffälligen vielfältige Unterstützung. Unter anderem übernimmt er im Auftrag des Justizministerium das sogenannte Übergangsmanagement, also die Vorbereitung von Häftlingen auf ihre Entlassung und die Begleitung in ihr Leben danach. Zudem hilft der Verein Betroffenen, ihre Schulden in den Griff zu kriegen – eine wichtige Voraussetzung um weiteren Straftaten vorzubeugen.

Ein neueres Projekt zielt darauf ab, eine Ersatzhaft von Straftätern zu vermeiden, die eigentlich zu einer Geldstrafe verurteilt sind, diese aber nicht bezahlen können. Gemeinsam mit den Betroffenen wird stattdessen die Zahlung von sehr geringen Monatsraten oder eine Umwandlung der Strafe in gemeinnützige Arbeit vereinbart. Dadurch werden nicht zuletzt hohe Kosten für die Haft reduziert. Das Land Hessen unterstützt die verschiedenen Angebote des Kasseler Vereins im Bereich der Straffälligenarbeit mit über 100.000 Euro im Jahr.

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