Handel mit Ökopunkten: Kommunen gleichen Eingriffe in Landschaft lieber direkt aus

Sparbuch für die Natur

Neues Baugebiet ohne Verlust an Ökopunkten: Die Stadt Baunatal hat nach eigenen Angaben den Eingriff in die Landschaft am Obersten Heimbach (Bild) vor Ort sowie durch Grünflächen im Bereich Reinhardsborn und am Graben kompensiert.

Kreis Kassel. Will eine Gemeinde ein neues Baugebiet erschließen, kann das deutlich teurer werden als die reinen Bau- und Planungskosten vermuten lassen. Denn der Eingriff in die Natur, der Verlust von Wiesen oder Ackerflächen durch das Betonieren von Straßen und Fundamenten, muss ausgeglichen werden, zur Not auch durch bare Münze. Diese Zusatzkosten für ein neues Baugebiet können zusätzlich leicht einige 10 000 Euro betragen.

Das bekam auch die Gemeinde Nieste bei der Erschließung ihres neuen Baugebiets Valtensbreite zu spüren. Mit dem Gegenwert von 170 000 Ökopunkten sei die Versiegelung der Landschaft von der Unteren Naturschutzbehörde bewertet worden, sagt Bürgermeister Edgar Paul (SPD). Ein teurer Spaß: Denn nach der sogenannten Kompensationsverordnung ist ein Ökopunkt mit 35 Cent bewertet. Rund 60 000 Euro hätte das die Gemeinde gekostet. Paul hätte versuchen können, die fehlenden Ökopunkte am freien Markt günstig einzukaufen. Doch das wollte er nicht. Natureingriffe sollten vor Ort ausgeglichen werden, meint er.

Nun besorgt sich die Gemeinde in Zusammenarbeit mit der Forstgenossenschaft Nieste die nötigen Ökopunkte unter anderem durch die Anlage eines Eichen-Habitats im Gemeindewald. „Den Handel mit Ökopunkten sehe ich sehr skeptisch“, sagt Paul. Das helfe schließlich nicht der Natur in Nieste.

So denken wohl auch viele seiner Amtskollegen im Landkreis Kassel. „Der Ökopunkte-Handel spielt für die Gemeinden keine Rolle“, sagt Dr. Ingo Aselmann, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde beim Landkreis Kassel. Ähnliches gelte für Privatleute. „Das ist nicht der Renner“, ergänzt sein Kollege Dr. Reiner Kunz. Das Angebot an Ökopunkten übersteige die Nachfrage. Die meisten Gemeinden glichen die mit der Ausweisung von Baugebieten verbundenen Natureingriffe mit Bordmitteln aus, beispielsweise durch Ausgleichspflanzungen oder die Aufwertung vorhandener Biotope. Anders als in Südhessen gebe es in der Region noch genügend Ausgleichsflächen. Viele Kommunen betrachteten das Ökopunkte-System als Sparbuch, das sie vorausschauend für künftige Bauvorhaben auffüllten. Das beeinflusse die Bauleitplanung der Gemeinden positiv.

Flächenverbrauch wächst

Dennoch könnte der Handel mit Ökopunkten auch im Landkreis noch in Schwung kommen. Der Flächenverbrauch schreite voran, Kommunen wie Vellmar und Lohfelden hätten kaum noch Ausgleichsflächen, sagt Kunz. Arme Gemeinden mit viel Landschaft könnten finanziell profitieren. Als Kassel eine Multifunktionshalle bauen wollte, bot die Stadt Wolfhagen an, Flächen für den naturschutzrechtlichen Ausgleich im Ortsteil Istha bereitzustellen. Nettersheim, eine mit Natur reich gesegnete Gemeinde in der Eifel geht sogar noch weiter: Sie will der weitgehend versiegelten Großstadt Köln Ökopunkte verkaufen, um den Gemeindesäckel zu füllen. DAS SAGT

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Von Peter Dilling

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