Vorstand sieht sein Haus gut gerüstet für die Zukunft

Chef Ingo Buchholz zur Lage der Sparkasse Kassel: „Noch lange niedrige Zinsen“

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Kassel. Nullzinsphase, Digitalisierung, Filialnetz,  Mitarbeiter und die Zukunft regionaler Banken: Hierüber und über andere Themen sprachen wir mit Sparkassenchef Ingo Buchholz.

Herr Buchholz, null Zinsen auf Sparguthaben zulasten von Kleinsparern und Altersvorsorgern. Bei hohen Summen fallen sogar Minuszinsen an. Wann rechnen sie mit der lang ersehnten Zinswende?

Buchholz: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat damit begonnen, den Wertpapierankauf, mit dem sie die Märkte mit Liquidität flutet, zu halbieren. Das ist als zarter Einstieg in den Ausstieg aus der jetzigen Geldpolitik zu werten. Aber deshalb steht sie nicht mit dem Fuß auf der Bremse, sie hat ihn lediglich vom Gas genommen. Daher rechne ich mit einem ersten, leichten Zinsschritt frühestens Ende 2019/Anfang 2020. Die Niedrigzinsphase dürfte noch eine ganze Weile anhalten.

Stichwort Negativzinsen: Ist das ein Thema für Sie?

Buchholz: Nein , bei kleinen Sparern nicht. Mit großen Firmenkunden oder institutionellen Anlegern treffen wir Einzelvereinbarungen. Denn wir zahlen derzeit für Einlagen bei der EZB schließlich einen Strafzins von 0,4 Prozent.

Die Mickerzinsen treffen ja nicht nur die Sparer. Auch die regionalen Kreditinstitute leiden, weil ihnen mit der sogenannten Zinsspanne - also der Differenz zwischen Zinsaufwendungen und -erträgen - der einstige Hauptertragsbringer abhanden gekommen ist. Wie gehen Sie damit um?

Buchholz: Wir haben bereits 2013 die Herausforderungen der Zeit erkannt und in den glücklicherweise prosperierenden Markt und in unsere Mitarbeiter investiert. Das heißt: Wir haben unser Kreditgeschäft massiv ausgebaut, wodurch wir den Rückgang der Zinsspanne teilweise ausgleichen können.

Nichtsdestotrotz haben Sie die Kontoführungsgebühren erhöht und in geringem Maße Personal abgebaut.

Buchholz: Ja. Natürlich muss man sich in einer solchen Situation auch mit der Kostenseite auseinandersetzen. Eine Quersubventionierung des Zahlungsverkehrs wie es in früheren Jahren üblich war, gibt es nicht mehr. Das kann sich doch keiner mehr leisten. Eine Leistung hat eben ihren Preis. Aber unser Hauptaugenmerk lag und liegt klar auf dem Ausbau des Kundengeschäfts.

Bleibt es bei der jetzigen Filialstruktur?

Buchholz: Wir haben unser Filialnetz im vergangenen Jahr erst angepasst. Wir sehen derzeit keine weiteren Änderungen vor. (Anmerkung der Redaktion: In 36 der 81 Filialen wurde das Personal abgezogen. Sie wurden in Selbstbedienungstandorte umgewandelt). Das ist uns nicht leichtgefallen. Wir wissen, dass Kunden im Durchschnitt nur ein Mal im Jahr in die Sparkasse kommen, 24 Mal Geld abheben, aber bis zu 300 Mal jährlich online Kontakt mit uns aufnehmen. Das heißt, dass wir bis Mitte 2017 eine Infrastruktur vorgehalten haben, die nicht mehr zeitgemäß war. Also mussten wir auch mit Blick auf die Kosten reagieren. Mit den frei werdenden Kräften konnten wir das Beratungsangebot auch in der Fläche erhöhen. Gleichzeitig investieren wir in unsere digitalen Angebote.

Stichwort Digitalisierung: Was macht sie mit Kunden und Mitarbeitern?

Buchholz: Für Kunden hat die Digitalisierung, die sie ja einfordern, viele Vorteile. Sie wollen Banking aus der Hosentasche, einfach und sicher, ganz gleich, wo sie sich auch immer aufhalten. Gleichzeitig wollen sie qualifizierte Ansprechpartner für komplexere Fragestellungen. Und die haben wir. Mit 45 Beratungscentern in Stadt und Kreis Kassel haben wir das mit Abstand dichtest Filialnetz.

Gleichzeitig ändern sich natürlich Berufsfelder und Arbeitsgebiete. Klar, einfache Tätigkeiten fallen zunehmend weg. Andererseits steigen die Anforderungen an die Berater. Im bundesweiten Vergleich geht die Kasseler Sparkasse den digitalen Weg ganz vorn mit, und die Rückmeldungen der Kunden sind sehr positiv.

Wie sehen Sie die Zukunft der Sparkasse?

Buchholz: Die Herausforderungen sind da, aber wir haben uns frühzeitig auf den Weg der Veränderung begeben. Von daher bin ich sehr optimistisch, was die Zukunft unseres Hauses angeht.

Aber Apokalyptiker sagen, dass es bald gar keine Banken mehr braucht, weil man Geld einfach im Netz anlegen, leihen oder verleihen kann.

Buchholz: Es wird in der Tat in einigen einfachen Geschäftsbereichen gewiss neue Player geben. Aber unser Bankgeschäft steht für kompetente Beratung vor Ort. Denken Sie an komplexe Wertpapierberatung, Firmenkundengeschäfte, Eigenheimfinanzierungen und Altersvorsorge. Da sind wir der richtige Ansprechpartner.

Was unterscheidet Sparkassen von anderen Banken?

Buchholz: Da gibt es viele Unterschiede. Wir sind in der Region verwurzelt wie kein anderes Kreditinstitut. Uns gibt es seit 186 Jahren. Wir sammeln regional Geld ein und reinvestieren es hier. Wir sind ein wichtiger Auftraggeber in der Region. Wir zahlen hier unsere Steuern. Wir beschäftigen mehr als 1000 Menschen, die ihrerseits stark in der Region verwurzelt sind. Wir halten den Wirtschaftskreislauf in der Region in Schwung. Wir sind nicht auf Gewinnmaximierung getrimmt, müssen aber wirtschaftlich arbeiten, um unseren öffentlichen Auftrag erfüllen zu können. Wir unterstützen sportliche, soziale und kulturelle Objekte mit jährlich 1,5 Mio. Euro. Kurzum: Wir geben der Region Rückenwind und tragen dazu bei, dass sie in vielerlei Hinsicht stark und lebenswert ist.

Sind Geschäfte außerhalb der Region tabu?

Buchholz. Jein. Natürlich konzentrieren wir uns satzungsgemäß auf unser Geschäftsgebiet. Aber wir begleiten Firmenkunden aus der Region selbstverständlich auch bei Geschäften und Investitionen außerhalb Nordhessens und sogar im Ausland – allein oder in Zusammenarbeit mit der Hessisch-Thüringischen Landesbank (Helaba). Wir sind eben da, wo uns unsere Kunden brauchen.

ZUR PERSON

Ingo Buchholz wurde 1965 in Braunschweig geboren, ist verheiratet und hat einen Sohn. Nach dem Wirtschaftsabitur in Celle arbeitete er für die Sparkassen Hannover, Hildesheim und Soltau sowie als Verbandsprüfer für den Niedersächsischen Sparkassen- und Giroverband. 2006 wechselte er in den Vorstand der Kasseler Sparkasse. 2011 übernahm er dessen Vorsitz. In seiner Freizeit unternimmt Buchholz Ausflüge und Reisen mit seiner Familie. 

Die Kasseler Sparkasse ist mit einer Bilanzsumme von 5,4 Milliarden Euro und mehr als 1000 Mitarbeitern das mit Abstand größte regionale Kreditinstitut und die drittgrößte Sparkasse Hessens. Mit rund 220.000 Kunden hat rein rechnerisch jeder zweite Bewohner der Stadt und des Landkreises Kassel ein Konto bei der Sparkasse.

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