Interview: Dr. Markus Schimmelpfennig über qualifizierte Leichenschauen und Obduktionen

Interview: „Sparwahn ermutigt Verbrecher“

Kassel. Jeder Leichnam, der eingeäschert wird, muss zuvor von einem speziell fortgebildeten (meist amtlichen) Leichenbeschauer untersucht werden. In Kassel ist dafür unter anderem Dr. Markus Schimmelpfennig, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamtes, zuständig.

Er ist nicht nur Leichenbeschauer, sondern muss die Leichenschauscheine aller Verstorbenen überprüfen. Schimmelpfennig kritisiert seit längerer Zeit, dass es hier große Defizite gibt. Über die Qualifikation der Ärzte bei Leichenschauen und ihre Notwendigkeit sprachen wir mit dem Mediziner.

Für jeden Toten in Stadt und Landkreis muss ein Arzt einen Leichenschauschein ausstellen, der anschließend bei Ihnen im Gesundheitsamt landet. Wie oft haben Sie etwas zu beanstanden?

Dr. Markus Schimmelpfennig: Viele Leichenschauscheine sind fehlerhaft und unvollständig. In etwa 50 Prozent der Fälle liegen formale Mängel vor, in etwa 20 Prozent inhaltliche. Das bedeutet, sie sind nicht nachvollziehbar oder plausibel. Ärzte erkennen leider zu oft nicht, dass ein nicht natürlicher Tod vorliegt.

Das würde ja bedeuten, dass viele Verbrechen unerkannt bleiben.

Schimmelpfennig: Gerichtsmediziner gehen davon aus, dass auf einen erkannten Tötungsfall mindestens ein bis zwei unerkannte Verbrechen kommen.

Mörder bleiben dadurch ungestraft. Was wird dagegen unternommen?

Schimmelpfennig: Die Mängel, die es bei der Leichenschau gibt, sind mittlerweile auf der politischen Ebene angekommen. Es wird diskutiert, ob künftig nur noch ermächtigte Ärzte, wie zum Beispiel in Österreich, zur Leichenschau gerufen werden oder ob sie nur noch von Amtsärzten gemacht werden dürfen.

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- Wenig Geld für Obduktionen

Wie oft schalten Sie die Kasseler Polizei ein, weil es bei der amtlichen Leichenschau zu Auffälligkeiten kommt?

Schimmelpfennig: Das passiert etwa alle zwei bis drei Wochen. Die Zusammenarbeit mit der Kripo ist sehr gut.

Warum haben viele Ärzte solche Probleme mit der Leichenschau?

Schimmelpfennig: Das hat zum einen fachliche Gründe, aber auch mentale. Wenn ein Mensch stirbt, um den ein Arzt lange gekämpft hat, wird das häufig als berufliche Niederlage empfunden. In diesem Zusammenhang muss man erwähnen, dass in Deutschland die Obduktionsquote mit ein bis drei Prozent beschämend gering ist. Zum Vergleich: In der viel ärmeren DDR wurden 25 Prozent der Leichen obduziert.

Sicher spielen die Kosten eine Rolle.

Schimmelpfennig: Natürlich. Die Krankenhäuser bekommen Fallpauschalen. Beim Tod eines Patienten will man damit nicht auch noch die Obduktion bezahlen. Dabei sind Obduktionen unverzichtbarer Bestandteil der Qualitätssicherung. Sie dienen immer auch den Lebenden. Durch den staatlich verordneten Sparwahn im Gesundheitswesen sind auch gerichtsmedizinische Institute geschlossen worden, so zum Beispiel in Marburg. Das bewerte ich als Ermutigung für Verbrecher. Da kann man nur sagen: Mörder ahoi.

Und wie sieht es mit der Vergütung für Leichenschauen aus?

Schimmelpfennig: Die Vergütung für diese ärztliche Leistung stammt aus der Abteilung Hohn und Spott. In der ärztlichen Gebührenordnung sind als einfacher Satz dafür 14,57 Euro vorgesehen. Bei Mehraufwand darf der Arzt bis zum 2,3-fachen Satz abrechnen. Da ein Toter nicht mehr krankenversichert ist, müssen dafür die sogenannten Bestattungssorgeberechtigten aufkommen. Das sind in der Regel die Angehörigen eines Verstorbenen.

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