Politiker Lars Hennemann über die Probleme seiner Partei

SPD in der Krise: „Wurscht und Blasmusik nicht mehr sexy“

Die SPD steckt in der Krise. Bei der Europawahl erreichte die Partei bundesweit nur 15,8 Prozent, Vorsitzende Andrea Nahles hat sich verabschiedet. Wie aber wird die Situation an der Basis wahrgenommen? Lars Hennemann (29) verteidigt bei allen Fehlern seine Partei.

Herr Hennemann, ist die SPD noch zu retten?

Auf jeden Fall. Die SPD leistet ja noch das, was sie leisten soll. Das geht aber leider etwas unter.

Ist das nicht das Problem der SPD, dass die Sachpolitik untergeht?

Im Kern ist es so, dass zuletzt nicht zur Debatte stand, was uns als Partei immer ausgemacht hat: dass wir niemanden zurücklassen wollen und der Staat in allen Lebensbereichen eine Stütze und ein Sicherheitsnetz sein soll. Im Vordergrund standen die Personaldebatten und die Frage, wie es mit der Koalition in Berlin weitergeht. Was uns aber ausmacht, sind die Kernthemen, weswegen sich die Menschen bei uns engagieren. Als junger Mensch kann man bei uns mit etwas Engagement und Ausdauer seine Interessen wahrnehmen. Man wird ernst genommen.

Aber wird es nicht immer schwerer, junge Menschen mit Ausdauer zu finden?

Tatsächlich haben sich in letzter Zeit viele junge Leute gemeldet, die sich einsetzen wollen, weil die Partei so schlecht dasteht. Die sagen: Im Prinzip seid ihr das, was wir uns von Politik vorstellen, aber euch fehlt Sexyness, auch wenn ich das Wort nicht mag. Aber klar: Wir haben ein Problem, nach außen das darzustellen, was wir tun. Es ist für uns Sozis einfach unverständlich, warum nicht alle Menschen so denken wie wir. Deshalb treffen wir in öffentlichen Debatten auch häufig nicht den richtigen Ton. Das ist das Problem.

Wie lässt sich das lösen?

Tatsächlich hat Andrea Nahles vieles inhaltlich richtig gemacht, manches nicht. Aber sie war nicht das, was die SPD derzeit braucht: jemanden, mit dem sich auch junge Menschen identifizieren können. Das muss eine sympathische Person sein, und das ist sie leider erst, wenn man sie mal persönlich erlebt hat.

Also finden Sie es richtig, dass sie nun von allen Ämtern zurückgetreten ist?

Die Art und Weise, wie das gelaufen ist, finde ich nicht gut. Aber als repräsentatives Gesicht der Partei habe ich mir schon immer eine andere Person gewünscht – fernab ihrer Kompetenz.

Aber ist das Wie nicht das Grundproblem der SPD?

Wir sind in einem permanenten Kampf untereinander, das beste Ergebnis zu bekommen. Und da wir so unterschiedliche Leute in der Parteistruktur haben, gibt es eben auch viele unterschiedliche Interessen und Ansichten. Das zeichnet uns auf der anderen Seite aber auch aus.

Aber es bringt keinen Erfolg.

Ich würde mich politisch auch nicht engagieren, um meinen Erfolg an vielen Wählerstimmen zu definieren. Davon ab haben wir in der Partei trotz der vielen Strömungen ja viel erreicht. Ich finde zum Beispiel derzeit spannend, dass Angela Merkel in Harvard gefeiert wird für den Mindestlohn, für das Einsetzen der gleichgeschlechtlichen Ehe und für ihre progressive Migrationspolitik. Das sind Themen, die wir auf der Agenda hatten, und die über Jahre geblockt worden sind von der CDU.

Und jetzt kommen auch noch die Grünen und schnappen Stimmen weg.

Ich habe nichts gegen die Grünen und bin an denselben Themen interessiert wie sie. Aber die Grünen bieten kein Gesamtkonzept für Menschen, die der SPD wichtig sind, die eben nicht so viel Geld haben. Ich will den Grünen auch keinen Populismus unterstellen. Aber sie können unmöglich die Klientel befriedigen, die sie mittlerweile anspricht. Es geht nicht, alle konservativen Kräfte anzusprechen, eine starke Umweltpolitik machen zu wollen und dabei Menschen im Blick zu behalten, die eben auf das Geld achten müssen.

Die SPD kann das?

Ja, über die soziale Frage. Ursprünglich war die SPD mal eine Umverteilungspartei, die die Schere von arm und reich enger halten wollte. Irgendwann hat sich das gelöst, als wir weniger Zustimmung bekommen haben und das klassische Arbeitermilieu sich gewandelt hat. Dann haben wir versucht, auf einzelne Gruppen einzugehen. Aber es gehört mehr dazu, als nur für einzelne Gruppen Politik zu machen. Das ist auch der Kern der SPD mit all ihren unterschiedlichen Menschen und Schwerpunkten. Ich muss nicht im Tiefbau arbeiten, um Respekt vor arbeitenden Menschen zu haben. Das Stichwort ist Solidarität.

Aber gerade junge Menschen engagieren sich eher nicht mehr für das große Ganze, sondern in der Regel punktuell.

Genau. Und deshalb sehe ich unsere größte Aufgabe darin, deutlich zu machen, dass etwa das Engagement in der Friday-for-Future-Bewegung sehr wichtig ist. Gleichzeitig müssen wir aber verständlich machen, dass Politik alle Lebensbereiche beinhaltet. Wenn wir das nicht schaffen, wird es schwer für uns. Aber noch können wir ein breites Angebot machen an Bildungspolitik, an Friedenspolitik, an Klimaschutz.

Wie soll es weitergehen bei der SPD?

Ich würde mir wünschen, dass im Herbst darüber nachgedacht wird, ob es Sinn macht, mit der Union weiter zu koalieren. Darüber hinaus müssen wir ein glaubwürdiges Gesicht finden, unsere Struktur verändern, unsere Kommunikationskanäle zeitgemäß gestalten. Ahle Wurscht und Blasmusik sind für viele nicht mehr sexy. Es müssen andere Wege gefunden werden, den Menschen zu erklären, was wir tun.

Lars Hennemann ist 29 Jahre alt, ist in Iserlohn geboren, in Menden (Sauerland) aufgewachsen und hat Politik studiert. Derzeit leitet er das Büro der Landtagsabgeordneten Manuela Strube. Er ist Mitglied im Ortsbeirat Mitte.

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