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SPD-Oberbürgermeister-Kandidatin nominiert: Entscheidung nach mehr als drei Stunden

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Von: Florian Hagemann, Andreas Hermann

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Voller Saal: Mehr als 300 Mitglieder kamen zur Wahlkreiskonferenz der SPD ins Haus der Kirche. Auch dabei: Ex-Oberbürgermeister Bertram Hilgen (links).
Voller Saal: Mehr als 300 Mitglieder kamen zur Wahlkreiskonferenz der SPD ins Haus der Kirche. Auch dabei: Ex-Oberbürgermeister Bertram Hilgen (links). © Andreas Fischer

Die SPD geht mit Isabel Carqueville ins Rennen um das Oberbürgermeisteramt. Das entschied die Partei am Mittwoch auf der mit Spannung erwarteten Wahlkreiskonferenz. Fragen und Antworten.

Mit welcher Stimmung gingen die SPD-Mitglieder in die Veranstaltung, die im Haus der Kirche stattgefunden hat? Sagen wir mal so: durchaus angespannt. Wer sich auch von den SPD-Mitgliedern vor der Veranstaltung äußerte, der wollte keine Prognose abgeben, wie der Abend verlaufen werde. Vor allem auffällig: wie viele zu dieser Wahlkreiskonferenz kamen. Jeder der rund 1400 Mitglieder durfte kommen und war auch stimmberechtigt.

In erster Linie ging es darum, wen die SPD ins Rennen um das Amt des Oberbürgermeisters/der Oberbürgermeisterin schickt – beziehungsweise, ob sie überhaupt jemanden nominiert, nachdem Amtsinhaber und SPD-Mitglied Christian Geselle erklärt hatte, als unabhängiger Kandidat antreten zu wollen. Am Ende waren mehr als 300 Genossen anwesend. Dass dies den Rahmen der Erwartungen überstieg, macht die Anzahl der vorhandenen Stühle deutlich: 180. Viele also mussten stehen. Vorsitzender Ron-Hendrik Hechelmann wertete die große Resonanz als Indiz, wie lebendig die SPD sei.

Wer war alles da? Natürlich die bekannten SPD-Mitglieder wie die Landtagsabgeordnete Esther Kalveram, wie die ehemaligen Landtagsabgeordneten Wolfgang Decker und Uwe Frankenberger, wie Fraktionsvorsitzende Ramona Kopec, wie Kassels Bürgermeisterin Ilona Friedrich und wie der ehemalige Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Das war erwartbar. (Hier finden Sie unseren News-Ticker zur Konferenz zum Nachlesen.)

Interessant aber war, dass sowohl viele ältere Mitglieder anwesend waren als auch viele jüngere. Dass zuletzt einige in die Kasseler SPD eingetreten sind, deutete auch Ron-Hendrik Hechelmann während seiner Begrüßung an. Auch bei den Wortbeiträgen später klang das mitunter an. Viele seien erst in die SPD eingetreten wegen Isabel Carqueville, die sich an diesem Abend zur Wahl stellte und gern Oberbürgermeisterkandidatin der SPD werden wollte.

War Oberbürgermeister Geselle anwesend? Nein, zumindest hat ihn niemand gesehen. Und doch war er allgegenwärtig. Das wurde schon zu Beginn deutlich, als Ron-Hendrik Hechelmann die Mitglieder begrüßte. Er sagte mit Blick auf die vergangenen Wochen, die geprägt waren von einem parteiinternen Streit um die Ausrichtung: „Wir ringen intern, aber wenn wir uns entschieden haben, sprechen wir einheitlich nach außen. Diesen Grundpfad haben einige verlassen.“

Damit spielte er direkt auf Christian Geselle an, der die internen Beschlüsse von Partei und Fraktion infragestellte und darauf drängte, doch Gespräche mit der CDU über eine Zusammenarbeit im Kasseler Rathaus zu führen. Ein Teil der Fraktion und der Partei unterstützte in der Folge Geselle. Hechelmann ging darauf noch einmal ein und sagte: „Wir dürfen es als SPD niemals zulassen, dass sich eine einzige Person über die demokratischen Beschlüsse der Partei stellt.“ Auch bei den Redebeiträgen wurde viel über Geselle gesprochen. Die einen kritisierten ihn, die anderen erklärten ihre Unterstützung für ihn.

Wie lief die Veranstaltung formal ab? Nach der Begrüßung und der Rede Hechelmanns wurde zunächst ein Antrag von Esther Kalveram behandelt. Die Landtagsabgeordnete wollte erreichen, den entscheidenden Tagesordnungspunkt abzusetzen: den der Nominierung einer eigenen SPD-Kandidatin oder eines eigenen SPD-Kandidaten. Kalveram begründete ihren Antrag damit, dass es zu einer tiefen Spaltung der Partei führen werde, sollte die SPD mit einem eigenen Bewerber ins Rennen um das Oberbürgermeisteramt gehen. Vielmehr plädierte sie dafür, Christian Geselle zu unterstützen.

Der ehemalige Oberbürgermeister Bertram Hilgen hielt die Gegenrede. Der Hauptgrund für eine eigene Kandidatin sei, dass sich die SPD als bedeutende Partei der Stadt nicht wegducken dürfe. „Es geht darum, ob wir mutig und selbstbewusst sind“, sagte Hilgen. Letztlich scheiterte Kalveram mit ihrem Anliegen. 130 stimmten dafür, den entscheidenden Tagesordnungspunkt zu streichen. 191 dagegen, einer enthielt sich. Damit war klar: Es wird über einen eigenen Kandidaten abgestimmt. Einzige Bewerberin: Isabel Carqueville.

Im Fokus: Isabel Carqueville ist nun Oberbürgermeisterkandidatin der SPD.
Im Fokus: Isabel Carqueville ist nun Oberbürgermeisterkandidatin der SPD. © Andreas Fischer

Was sagte Carqueville? Sie plädierte bei ihrer Vorstellung für Geschlossenheit: „Wenn wir zusammen kämpfen, ist die SPD unschlagbar.“ Sie stellte sich vor und wiederholte im Prinzip das, was sie zuvor in Interviews auch schon erwähnte. Warum sie sich das antue? Diese selbst gestellte Frage beantwortete sie so: „Wir fordern, dass mehr Frauen und mehr junge Leute in die Verantwortung gehen. Es braucht Vorbilder.“ Sie will vorangehen.

Im Übrigen: „Ihr Name sei nicht junge Frau Carqueville, sondern Dr. Isabel Carqueville.“ Zur Veranstaltung war sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern gekommen – auch das durfte als Statement gewertet werden. Im Fortgang ihrer Rede ging sie auch auf ihre politischen Inhalte ein: Sie wolle den Stau in der Kasseler Verkehrspolitik auflösen, für eine verlässliche Wirtschaftspolitik stehen und ein inklusives Kassel anstreben. Nach einer Aussprache der Mitglieder stimmte die Mehrheit letztlich für Carqueville als Kandidatin – nach über drei Stunden und um kurz vor 22 Uhr.

Welche Atmosphäre herrschte während der Redebeiträge? Klar wurde, dass sich ein Riss durch die SPD zieht: hier diejenigen, die Geselle hinter sich lassen wollen, dort die Geselle-Unterstützer. Besonders deutlich wurde das bei der Aussprache – ein Hin und Her. Wirklich unfair ging es aber nicht zu, auch wenn es immer wieder vereinzelte Buh-Rufe für Wortbeitrage gab.

Die emotionalste und lauteste Rede hielt zum Abschluss der Aussprache der Stadtrat Hendrik Jordan. Er kritisierte Bertram Hilgen und vor allem Ron-Hendrik Hechelmann, indem er fast schon brüllte, mit ihm sei es noch schlimmer als einst mit dem Vorsitzenden Bernd Hoppe. Aber auch Jordan erntete nicht nur Zustimmung, sondern auch Unverständnis.

Wie geht es jetzt weiter? Nun ist Isabel Carqueville offiziell Oberbürgermeisterkandidatin der SPD und tritt unter anderem gegen den unabhängigen Kandidaten Christian Geselle an, der aber weiterhin Mitglied der SPD ist. Ob das so bleibt, wird eine der Fragen der nächsten Zeit sein. Wie Carqueville und die SPD den Wahlkampf angehen wollen, dafür bekamen die Mitglieder schon einen Vorgeschmack. Auf der Leinwand am Kopf des Saals stand: Dr. Isabel Carqueville, Oberbürgermeisterin für Kassel. Das Wort Kassel stand dabei weiß in einem roten Herzen.

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