SPD-Veranstaltung

Hitzige Diskussion zur NS-Vergangenheit ehemaliger Oberbürgermeister

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Bewegte Gemüter: Auch der ehemalige Landrat des Landkreises Kassel, Udo Schlitzberger, saß im Publikum. Er meldete sich zu Wort und gestand Karl Branner zu, dass er sich nach dem Krieg vom Nationalsozialisten zum Demokraten entwickelte.

Die Temperaturen unterschieden sich nicht vom hitzigen Diskussionsklima: Die SPD hatte eingeladen, um über die NS-Zeit ihrer früheren Oberbürgermeister zu sprechen.

Was sich im Philipp-Scheidemann-Haus in zweieinhalb Stunden zwischen den Referenten auf dem Podium und den gut 100 Gästen im Publikum entwickelte, war von Emotionen getrieben.

Moderator Klaus Krimmel, ehemaliger Leiter des HR-Studios Kassel, hatte zu Beginn des Abends davon gesprochen, die Debatte um Karl Branner und Willi Seidel solle auf eine „rationale Basis“ gestellt werden. Dies sollte nicht gelingen. Besonders über den Umgang mit SPD-Ikone Branner wurde gerungen - Beleidigungen und Unterstellungen blieben dabei nicht aus.

HNA-Lexikon

Das Leben Karl Branners

Die erste Empörung löste der Kasseler SPD-Vorsitzende Uwe Frankenberger aus, der gleichzeitig Stadtverordneter und Landtagsabgeordneter ist. Frankenberger hatte gesagt, dass sich für ihn aus der Doktorarbeit Branners nicht ableiten lasse, dass dieser der NS-Ideologie anhing. Die Tatsache etwa, dass Branner jüdische Autoren markierte, sei dafür kein Beleg. Man wisse ja nicht, aus welchen Gründen er es damals als 27-jähriger Göttinger Student getan habe.

1935: Karl Branner zur Zeit als SA-Mitglied.

Auf Nachfrage gab Frankenberger zu, dass er die Arbeit nicht gelesen habe. Er kenne nur die Passagen, die sich in der Studie befinden, die die Stadt zur NS-Vergangenheit der Oberbürgermeister erstellen ließ. Darin befinden sich Passagen wie: „die Steuerzahlung stellt einen Akt der Gefolgschaftstreue gegenüber Führer und Volk dar“.

Oberbürgermeister Bertram Hilgen, der auch auf dem Podium saß, bewertete die Arbeit anders: „Das ist ein klarer Ausdruck der Unterstützung des nationalsozialistischen Systems.“ Er habe die Arbeit natürlich gelesen, dies gehöre sich für einen Oberbürgermeister. Branner habe in diesen Jahren dem Nazi-System nahegestanden. Allerdings sei erkennbar, dass er sich im und nach dem Krieg zum Demokraten entwickelt habe. Seine späteren Leistungen für die Stadt seien in der Gesamtschau einer Ehrung würdig.

Umbenennungen 

Allerdings, so Hilgen, halte er die Umbenennung der Karl-Branner-Halle im Rathaus für erforderlich. Weil die Stadt in der Halle höchste Ehrungen verleihe, müsse diese einen unstrittigen Namen tragen. „Sie sollte gar keinen Namen mehr tragen.“ Die Karl-Branner-Brücke solle ihren Namen behalten. Dem Vorschlag, eine Tafel an der Brücke anzubringen, auf der die NS-Zeit thematisiert werde, zeigte er sich offen gegenüber. Auch Frankenberger stimmte hier zu.

Das Podiumsmitglied Aloys Zumbrägel (CDU) bezeichnete die Umbenennung der Branner-Halle als notwendig: „Da werden auch Menschen geehrt, die unter den Nazis gelitten haben.“ Über Willi Seidel und das Willi-Seidel-Haus wurde wenig diskutiert.

Stimmen aus dem Publikum:

• Prof. Rudolf Messner: „Branner und Seidel hatten ein Leben nach der NS-Zeit. Das muss man berücksichtigen. Sie hatten ihre Verdienste, als Vorbilder könnten sie aber nicht mehr gelten. Entscheiden sollten dies aber nicht Historiker, sondern Politiker.“

• Udo Schlitzberger, ehemaliger Landrat des Kreises Kassel: „Branner war bis zur Mitte des Krieges Nationalsozialist. Ich unterstelle ihm, dass bei ihm ein Bewusstseinswandel stattgefunden hat. Er war hinterher ein aufrechter Demokrat.“ Der Name der Branner-Halle müsse aber weg, da sie etwa jüdische Gäste empören könne.

• Fred Link: „Wer selbst ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Ich bin dafür, die Oberbürgermeister für ihre Verdienste zu würdigen.“

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