Neue Studie des Logistikexperten Professor Dr. Richard Vahrenkamp von der Universität Kassel

Speditionen: Siegeszug mit Hindernissen

Riesenlastwagen: Speditionen lenken heute die Warenströme. Unser Foto zeigt einen 25 Meter langen Riesenlastwagen auf dem Gelände einer Spedition in Osnabrück. Foto: dpa

Kassel. Große Speditionen lenken heute die Warenströme der Konsumgüterindustrie durch ganz Europa. Lastwagen transportieren Fertigwaren und Zulieferprodukte, Lebensmittel und andere Frischwaren bis in die kleinsten Orte. Ohne die Lieferung von Waren von Haus zu Haus oder von Maschinenteilen von Fabrik zu Fabrik per Lkw wäre die moderne Industriegesellschaft, eine arbeitsteilige Konsumgüterindustrie, undenkbar.

Dennoch war die Eisenbahn seit Mitte des 19. Jahrhunderts rund 100 Jahre lang das beherrschende Transportmittel. Und das, obwohl die Unzufriedenheit mit der Bahn etwa aufgrund hoher Transportkosten und zu wenig Flexibilität bereits Anfang des 20. Jahrhunderts den Grundstein für das Geschäftsmodell der Speditionen legte.

In einer neuen Studie hat der Logistikexperte Prof. Richard Vahrenkamp die Entstehungsgeschichte der Speditionen untersucht. Der Siegeszug des Lastwagens war demnach voller Hürden. Das lag laut Vahrenkamp vor allem am Einfluss der Bahn auf die Politik.

Bereits in der NS-Zeit setzen Bahn-Politiker durch, dass der Güterverkehr auf der Straße durch ein Lizenzierungssystem streng beschränkt wurde. Dies setzte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg fort. Bis Anfang der 1980er-Jahre wurde der gewerbliche Lkw-Güterverkehr scharf reguliert. So waren beispielsweise deutschlandweit nur 15 000 bis 17 000 Lkw pro Jahr auf den Straßen zugelassen. „Durch die starken Reglementierungen ist die Entwicklung der modernen Konsumgüterindustrie um Jahre zurückgeworfen worden“, sagt Vahrenkamp. Die Dominanz der Schiene habe zumindest im Fernverkehr einen schnelleren Umbau des Verkehrssystems zu einer für Industrie und Verbraucher maßgeschneiderten und vernetzten Infrastruktur verhindert - und das in ganz Europa.

Erst Ende der 1980er habe man begonnen, das Verkehrsnetz entsprechend den Bedürfnissen des Warenaustauschs umzubauen und die Speditionsmärkte zu liberalisieren. Das heutige Modell, das Straße, Schiene und Wasserwege durch Güterverteilzentren verbindet, hält der Kasseler Infrastrukturexperte für gelungen. Aber es sei aufgrund der heutigen Transportflut ausgereizt und habe auch eine Kehrseite: verstopfte Autobahnen durch Lkw, Lärm und Abgase. Eine Rückverlagerung von Transporten auf die Schiene sei aber nur möglich, wenn man höhere Kosten und einen schlechteren Service bei der Zustellung von Eilgütern in Kauf nehme. Denn Stückguthallen müssten wieder neu aufgebaut werden, Rangier-Leistung und Güterbewegung seien zeit- und kostenintensiver. Dies sei aber letztlich eine politische Richtungsentscheidung.

Richard Vahrenkamp: Von der Eisenbahnlogistik zur Lastwagenlogistik in Deutschland 1880 bis 1933, in: Hans-Liudger Daniel und Hans-Ulrich Schiedt (Hrsg.): Die moderne Straße - Planung, Bau und Verkehr vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Campus Verlag Frankfurt 2010, 39,90 Euro.

Von Mirko Konrad

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