Peter Etrich (57) leidet an Demenz und wirkt in einem Tanztheaterstück mit

Spielen statt vergessen

An Alzheimer erkrankt: Peter Etrich (57) aus Baunatal-Altenbauna mit seiner Frau Ulla. Früher spielte er gern Gitarre. Nun trommelt er auf Bongos. Foto: Lohr

Kassel / Baunatal. Anfangs hat Peter Etrich noch Scherze gemacht. Bis vorletzten Sommer arbeitete der 57 Jahre alte Baunataler im Wolfsburger VW-Werk. Wenn er sich an der Arbeit mal wieder verlaufen hatte, sagte er zu seinen Kollegen: „Mensch, ich hab Alzheimer.“ So überspielte er die Angst, dass mit ihm etwas nicht stimmen könnte.

Manchmal wurde er gefragt, was seine Tochter studiere, und er wusste es nicht mehr. Zuhause tat er die Gläser zu den Töpfen und die Töpfe zu den Gewürzen. Eine ganze Zeit ging das so. Etrich sagte sich: „Ein Fehler macht jeder mal.“ Aber die Fehler wurden immer mehr.

Letzten Sommer bekam er die Diagnose: Alzheimer. Ein Schock für den Mann, der bis dahin mitten im Leben stand. Mittlerweile lebt der Rentner in Baunatal – in der Nähe der Töchter seiner Frau. An diesem Wochenende steht das Paar auf der Bühne: Die beiden wirken im ungewöhnlichen Tanztheaterstück der Kasseler Choreografin Pamela Hering mit, das Samstag und Sonntag, 19 Uhr, in der Halle 2, Grüner Weg 15-16, gezeigt wird.

„Yesterday“ ist durch die Initiative des Diakonischen Werks entstanden und soll zeigen, dass die Diagnose Demenz nicht bedeutet, dass das Leben vorbei ist. „Über die Krankheit wird viel gesprochen, aber sie ist immer noch ein Angstthema“, hat Barbara Koblitz festgestellt, Abteilungsleiterin im Diakonischen Werk. Das Stück soll die Krankheit und die Betroffenen in die Gesellschaft integrieren. „Es ist total klasse, mal wieder etwas zusammen zu machen“, sagt Peter Etrichs Frau Ulla.

Seit Mitte August haben die beiden das 30-minütige Stück unter der Leitung der Tanzpädagogin Hering mit zwölf weiteren Teilnehmern einstudiert – die Jüngste ist 16, die Älteste 94. Für die Choreografin war klar, dass in ihrem Stück auch Betroffene mitwirken sollten. Ihr Thema sind Erinnerungen: „Was bleibt, wenn man sich kaum an gestern erinnern kann?“

Bislang kann sich Peter Etrich noch gut an sein altes Leben erinnern, in dem er gern Rad fuhr und mit Freunden in der Natur Greifvögel beobachtete. Beides geht nicht mehr. Er ist nun schnell schlapp, und wegen einer Augenkrankheit kann er kaum noch lesen.

Nach der Diagnose hatte er einen Zusammenbruch und war einige Zeit in der Psychiatrie. Mittlerweile geht es ihm besser – so gut, wie es jemandem mit Alzheimer eben gehen kann. Er redet offen über seine Krankheit – zum Beispiel in Selbsthilfegruppen, „wo ich überall der Jüngste bin“.

Zu Weihnachten hat seine Frau Ulla Karten verschickt und sich bei Freunden und Verwandten für die Unterstützung in schwierigen Zeiten bedankt. Einige schrieben zurück und fragten, wieso sie die Krankheit öffentlich machten. Es hieß: „Müsst ihr das so breittreten?“

Peter und Ulla Etrich wollen sich nicht verstecken. Beide wissen nicht, wie ihr Leben weitergeht. Die Prognose der Ärzte lautet 20 Jahre. „Die mach ich erst mal“, sagt Peter Etrich. Manchmal erzählt er sich mit seiner Frau Alzheimer-Witze. Als man ihn nach seinem Lieblings-Witz fragt, fällt ihm keiner ein. Da muss er lachen. Foto: nh

Von Matthias Lohr

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