Die 86-jährige Magdalena Schiffmann erinnert sich an Verhöre in der Jägerkaserne

Der Spion, der mich liebte -  Verhör in der Jägerkaserne

Vom amerikanischen Geheimdienst befragt: Magdalena Schiffmann (86) wurde vor 56 Jahren in das im Hintergrund zu sehende Gebäude der ehemaligen Jägerkaserne einbestellt. Foto:  Fischer

Kassel. Als sie das Foto von der ehemaligen Jägerkaserne in der Zeitung sah, kam die Erinnerung wieder hoch. Magdalena Schiffmann ist 86 Jahre alt und war 1955 zum letzten Mal in dem damals schwer gesicherten Gebäude. Erst heute ist in der Öffentlichkeit bekannt, dass darin deutsche und amerikanische Geheimdienste stationiert waren.

Vor mehr als einem halben Jahrhundert wurde Magdalena Schiffmann hier zum Gespräch einbestellt. „Das war wahrscheinlich ein Verhör, aber ich habe das gar nicht so empfunden“, sagt sie. Die gelernte Krankenschwester hat schon in jungen Jahren viel erlebt. Geboren in Schäßburg (Siebenbürgen) im heutigen Rumänien musste sie nach dem Krieg zwei Jahre in einem russischen Bergwerk arbeiten. Die nächste Station war Halle an der Saale, wo sie ihre Ausbildung als Krankenschwester machte. Als sie sich mit mehreren Kolleginnen 1955 in den Westen absetzte, half ihr ein Bekannter, der auch Wurzeln in Siebenbürgen hatte. Die junge Frau, die in Kassel sonst niemanden kannte, bekam eine Stelle an der Dr.-Koch-Klinik in Bettenhausen.

Sylvester aus Ohio

Warum sie für den amerikanischen Geheimdienst interessant war, weiß Magdalena Schiffmann bis heute nicht. Auch nicht, welche Funktion ihr Gesprächspartner genau hatte. Aber seinen Namen wird sie nie vergessen: „Er hieß Sylvester und kam aus Ohio“, sagt sie. Der Amerikaner und die junge Frau aus Siebenbürgen unterhielten sich lange. Es gab ein zweites Treffen. „Ich habe damals 40 Mark dafür bekommen, dass ich ihm meinen alten Koffer aus der DDR gegeben habe“, sagt die 86-Jährige. In einem Büroraum des Kasernengebäudes traf man sich.

Wofür der alte Koffer gebraucht wurde? Sie wusste es nicht und fragte auch nicht nach. „Er hätte es mir sowieso nicht sagen dürfen“, sagt Magdalena Schiffmann. Die Einladung, sich doch mal auf ein Glas Wein außerhalb der Kaserne zu treffen, nahm sie an. Bei dem Treffen in einem Lokal an der Jordanstraße gestand ihr Sylvester aus Ohio, dass er sich in sie verliebt habe. „Mir ging es genauso, ich hatte so etwas nie zuvor erlebt“, sagt sie. Mehr sei aber nie daraus geworden. Der Geheimdienstmann war verheiratet und hatte einen neunjährigen Sohn. Außerdem sei er sehr gläubig gewesen. Eine Scheidung sei nicht infrage gekommen.

Von seiner Arbeit habe Sylvester nie etwas erzählt. Die beiden trafen sich ein letztes Mal zufällig an der Haltestelle Am Stern. Statt mit der Straßenbahn nach Bettenhausen zu fahren, machten sie einen Spaziergang. Vor der Koch-Klinik verabschiedeten sie sich. Sie haben sich nie wieder gesehen. Magdalena Schiffmann lernte einige Jahre später im Krankenhaus ihren mittlerweile verstorbenen Mann kennen. Sie hat eine Tochter.

http://regiowiki.hna.de/Jägerkaserne

Von Thomas Siemon

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