Kokainabhängiger Kasseler zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt

Kassel. Drei Tage lang habe er nicht geschlafen, damals im Juli, sagt der Angeklagte. Um seine Kokain-Sucht zu befriedigen, habe er Tankstellen bestohlen. Das Muster war stets gleich: Er ließ sich Stangen von Zigaretten herausgeben und floh dann ohne zu bezahlen. Die Stangen tauschte er gegen Kokain.

Das habe er sofort gespritzt, sagte der 32-jährige Kasseler. Sobald der Kick nachließ, war die nächste Tanke dran.

Weil der 32-Jährige in drei von sechs Fällen seine Beute mit einer garstigen Drohung verteidigte, wurde er jetzt vom Kasseler Landgericht nicht nur wegen Diebstahls, sondern auch wegen schweren räuberischen Diebstahls verurteilt. Eine Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren wurden verhängt. Dabei ging die Kammer davon aus, dass der Angeklagte die Taten in einem Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit beging.

Das Gericht nahm auch an, dass der Mann seine Drohungen gar nicht hätte wahrmachen können: Eine Verkäuferin, die ihn nach einem Diebstahl verfolgt hatte, hatte der 32-Jährige zugerufen, er könne sie „mit Aids“ infizieren. Er zückte sogar eine Spritze und hielt die Frau so auf Abstand.

Ärger noch war es dem Kassierer einer anderen Tankstelle ergangen. Der Mann hatte den Angeklagten bereits gepackt, als der rief, er sei mit HIV infiziert und versuchte zuzubeißen. Als der Verkäufer von ihm abließ, zückte der 32-Jährige wieder seine Spritze.

Im dritten Fall hatte der Angeklagte mit einem nicht näher identifizierten spitzen Gegenstand gedroht, um entkommen zu können. Auch all das räumte er vor Gericht ein. Zugleich versicherte er: „Ich habe kein Aids.“ Die Sache tue ihm „verdammt leid“.

Man wisse nicht, was der 32-Jährige noch zu tun bereit wäre, um seine Sucht zu befriedigen, merkte Richter Wolf Winter an, nachdem er die Entscheidung der Kammer verkündet hatte. Das Urteil soll dem 32-Jährigen jetzt die Möglichkeit eröffnen, sein Problem mit einer stationären Drogentherapie zu bearbeiten - falls er sich erfolgreich um einen Platz bemüht. Das Gericht befürwortete, die Strafe dafür zurückzustellen und ließ das auch eigens ins Protokoll aufnehmen. „Viele Chancen haben Sie nicht mehr“, gab Winter dem Angeklagten warnend mit auf den Weg.

Nach dem Urteil führte jener Weg den 32-Jährigen erst einmal geradewegs zum Haftantritt. Der Kasseler nämlich akzeptierte sein Urteil sogleich. Auch die Vertreterin der Staatsanwaltschaft verzichtete daraufhin auf Rechtsmittel und ordnete die sofortigen Vollstreckung der Strafe an. Vor der Verhandlung hatte der Angeklagte bereits fünf Monate in Untersuchungshaft gesessen. Er sei clean, erklärte er auf Nachfrage. Ihn nun vor einer Therapie noch einmal in sein altes Drogenumfeld zu entlassen, hielt keiner der Juristen im Saal für klug.

Von Katja Schmidt

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