Jury überlegt, Kulturpreis Deutsche Sprache woanders zu vergeben

Kritik wegen Gender-Sprache: Verliert Kassel seinen Sprachpreis?

Kabarettist Dieter Nuhr nimmt 2014 den Kulturpreis Deutsche Sprache in der Stadthalle entgegen.
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Einer von 18 Preisträgern: Kabarettist Dieter Nuhr nahm den Kulturpreis Deutsche Sprache 2014 in der Stadthalle entgegen. Nun kritisiert die Jury die geschlechtergerechte Sprache, die in Kassel eingeführt wird.

Seit fast 20 Jahren wird der Kulturpreis Deutsche Sprache in Kassel verliehen. Nun kritisiert die Jury die Stadt wegen der geschlechtergerechten Sprache. Verliert Kassel seinen Preis?

Kassel – Glaubt man Dr. Michael von Rüden, könnte Kassel bald um eine kulturelle Attraktion ärmer sein. Der Kasseler CDU-Fraktionsvorsitzende hat vor einigen Wochen wie andere Parteien im Parlament einen Brief der Jury des Kulturpreises Deutsche Sprache bekommen. Darin kritisiert deren Sprecher Prof. Helmut Glück die Entscheidung der Stadtverordneten, die geschlechtergerechte Sprache einzuführen. Die Jury würde damit brüskiert.

In einem weiteren Brief heißt es, die gendergerechte Sprache könnte Anlass sein, den Kulturpreis künftig woanders zu vergeben. „Dies wäre bedauerlich“, sagt von Rüden über den Preis, mit dem der Verein Deutsche Sprache (VDS) und die Eberhard-Schöck-Stiftung seit 2001 Persönlichkeiten auszeichnen, die sich um die deutsche Sprache verdient gemacht haben. Zu den Trägern des Hauptpreises, der nach Jacob Grimm benannt ist, zählen der Komiker Loriot, der ehemalige „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher und der Kabarettist Dieter Nuhr.

Die CDU hatte Ende September ebenso wie die AfD, die Fraktion „Wir für Kassel“ und zwei weitere Stadtverordnete gegen den SPD-Antrag für die Einführung der geschlechtergerechten Sprache in der Verwaltung gestimmt. Dort soll es künftig nur noch „Lehrende“ statt „Lehrer“ und „Redepult“ statt „Rednerpult“ heißen. Zudem wird das Gendersternchen eingeführt wie bei „Ingenieur*in“.

Für den VDS-Vorsitzenden Prof. Walter Krämer, ebenfalls Jury-Mitglied, ist das „Gender-Unfug“. Sprecher Glück schickte den Kasseler Fraktionen mit dem Protestbrief eine 60 Seiten dicke Broschüre, in der er mit dem letztjährigen Preisträger Peter Eisenberg erklärt, warum Sprache nicht derart „misshandelt“ werden darf. Gegenüber der HNA bestätigte der Bamberger Sprachwissenschaftler, dass es nun Überlegungen gibt, den Preis woanders zu vergeben. SPD-Fraktionschef Patrick Hartmann wusste davon bislang nichts. Er findet die Ankündigung „schon verwunderlich“.

Etwas anders klingt die Sache, wenn man beim VDS-Vorsitzenden Krämer nachfragt. Der Dortmunder Statistiker sagt, dass es seit 20 Jahren immer wieder Überlegungen über andere Austragungsorte gegeben habe: „Im Moment ist die Unterstützung in Kassel noch da.“ Und er versichert, dass der Preis im Oktober 2021 wieder in Nordhessen vergeben werde. Der Preisträger, der im Mai bekannt gegeben werden soll, sei „eine weltbekannte Person. Das wird für Aufruhr sorgen“.

Für Aufruhr sorgte diese Woche die Hamburger Kinderbuchautorin Kirsten Boie, die einen VDS-Preis wegen angeblich „rechtspopulistischer Äußerungen“ von Krämer zurückgab. Der VDS-Chef hatte unter anderem vom „aktuellen Meinungsterror unserer weitgehend linksgestrickten Lügenpresse“ geredet. Im Netz gab es viel Lob für Boies Entscheidung.

Gegenüber der HNA wiederholte Krämer seine Kritik an den Medien, die er nun „Lückenpresse“ nennt: „Sie verschweigen gewisse Dinge“. Über Boie, eine der bekanntesten Autoren des Landes, sagt er: „Ich kannte die Dame bislang gar nicht.“ Aber zu Weihnachten werde er eines ihrer Bücher für den Enkel kaufen. (Matthias Lohr)

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