Am 17. Mai 1943 standen große Teile der Stadt unter Wasser

Sprengung der Edertalsperre: Mittags kam die riesige Flutwelle nach Kassel

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Hochwasser vor der Orangerie: So sah es vor 75 Jahren in der Karlsaue aus. Nach der Sprengung der Edertalsperre in der Nacht erreichten die Wassermassen am Mittag Kassel und sorgten für erhebliche Zerstörungen.

Kassel. Bei den zahlreichen Bombenangriffen auf Kassel suchten die Menschen Schutz in Bunkern und Kellern. Diesmal kam die Gefahr vom Fuldaufer.

Nach der Sprengung der Edertalsperre rollte eine riesige Flutwelle auf die Stadt an der Fulda zu. In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 hatten britische Bomber die Stauseen an Eder, Möhne und Sorpe (Sauerland) ins Visier genommen - und damit die deutschen Militärs völlig überrascht. Die waren davon überzeugt, dass die schwer zu treffenden Staumauern nicht durch Bomben zu gefährden seien.

Ein fataler Irrtum, denn die Piloten der Royal Air Force hatten in Irland und Schottland den Abwurf einer Spezialbombe trainiert. Die sollte wie ein flacher Stein über das Wasser hüpfen, vor dem Ziel versinken und unter Wasser detonieren. Die Rechnung ging auf. Um 1.51 Uhr in der Nacht riss nach mehreren Fehlversuchen eine Bombe ein 70 Meter breites und 22 Meter tiefes Loch in die Sperrmauer.

Opfer in der Unterneustadt

Die Flutwelle rollte durch das Edertal und erreichte neun Stunden später Kassel. Auf ihrem Weg riss sie 68 Menschen in den Tod, zwei davon in Kassel. Ihre Namen sind bekannt. Der damals 65-jährige Herrmann Rasch und der 52-jährige Wilhelm Gneck waren dienstverpflichtet. Sie gehörten zur Feuerschutz- und Luftschutzpolizei und wollten eingeschlossene Menschen aus einer Wohnung in der Unterneustadt retten. Die Männer waren in einem Ruderboot unterwegs. Wo das Bett der Fulda aufhörte und die überschwemmten Uferbereiche anfingen, konnte in den braunen Fluten niemand mehr erkennen. Das Boot prallte gegen einen Metallständer, bekam ein Leck und geriet in einen Strudel.

Luftbild der gefluteten Karlsaue: Das Foto stammt aus einem britischen Militärarchiv. So wurde die zerstörerische Kraft der Flutwelle aus dem Edersee dokumentiert.

So steht es im Polizeibericht von damals. Für die beiden Männer kam jede Hilfe zu spät. Ihre Leichen wurden erst einen Tag später gefunden, als die Flutwelle Kassel hinter sich gelassen hatte.

Ihren Höhepunkt erreichte die Flut am 17. Mai um 15 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt stand die gesamte Karlsaue unter Wasser, die Unterneustadt und Bettenhausen ebenso. Hausteile, ganze Ställe und Lauben, Baumstämme und Tierkadaver wurden mitgerissen.

1200 Häuser, Wohnungen und Betriebe wurden durch die Flut beschädigt. Die Trinkwasserversorgung funktionierte nicht mehr, fast 20 000 Menschen mussten vorübergehend ihre Wohnung verlassen. Noch mehrere Tage später lagen auf den Straßen und zwischen den Häusern feuchte Möbel und Treibgut. Das sah schlimm aus, war aber lediglich die Vorstufe zu den Zerstörungen in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943.

„Wer das erlebt hat, vergisst es nicht mehr“

Elisabeth Schieblich (91) ist Zeitzeugin des Hochwassers und wohnte fast ihr ganzes Leben am Bleichenweg

Zeitzeugin: Elisabeth Schieblich (91)

Auch 75 Jahre nach der großen Flut gibt es noch Zeitzeugen, die die Katastrophe nach Sprengung der Edertalsperre erlebt haben. Elisabeth Schieblich (91) ist eine von ihnen. Sie ist an der Fulda groß geworden und lebte viele Jahre am Bleichenweg (Wesertor).

Auch ihr Elternhaus stand am Fuldaufer. Elisabeth Schieblich war 16 Jahre alt, als sie die Katastrophe erlebte. Sie machte eine Ausbildung in der Drogerie der Eltern am Katzensprung. Die hatten die Familientradition als Bleicher und Wäscher am Fuldaufer nicht mehr fortgesetzt. Noch heute erinnert der Straßenname Bleichenweg an dieses früher verbreitete Handwerk.

„Wir waren vorgewarnt, aber kein Mensch konnte sich vorstellen, wie hoch das Wasser steigen würde“, sagt Elisabeth Schieblich. Soldaten seien bei ihren Eltern vorbeigekommen und hätten schwere Möbel aus dem Haus getragen. Den Rest deponierte die Familie auf dem Dachboden. Wer am Fuldaufer wohnte, wusste, dass hier immer mal wieder Hochwasser droht. Doch diesmal war alles viel schlimmer.

Rasend schnell sei das Wasser gestiegen. „Die braune Brühe stand zwei Meter hoch bei uns im Wohnzimmer“, sagt Elisabeth Schieblich. Auch die Drogerie ihrer Eltern habe unter Wasser gestanden, die benachbarte Metzgerei Höhle ebenfalls. Vorübergehend sei die Familie bei ihrer Patentante untergekommen. „Wir haben aufgeräumt und ahnten nicht, dass es bald noch viel schlimmer werden würde“, erinnert sich Elisabeth Schieblich

Blick auf die Schleuse und das Walzenwehr: Auf der Wiese des Fuldaufers neben dem Finkenherd wurde die Wäsche gebleicht. Das Foto stammt aus dem Jahr 1929.

Erst im September waren die Folgen des Hochwassers beseitigt. Das komplett renovierte Haus am Bleichenweg konnte endlich wieder bezogen werden. „Mein Vater war stolz darauf, dass die Leitungen jetzt unter dem Putz lagen“, erinnert sich die 91-Jährige. Doch die Freude währte nicht lange. In der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 wurde das Haus schwer getroffen und zerstört. Und im Dezember 1943 kam der Vater von Elisabeth Schieblich bei einem weiteren Bombenangriff ums Leben. „Das war ein fürchterliches Jahr“, sagt sie.

Bis zu ihrem Umzug in ein Seniorenheim hat sie am Bleichenweg gewohnt und noch so manches Hochwasser mitgemacht. Immer mal wieder sei das Wasser bedrohlich gestiegen. Doch so schlimm wie am 17. Mai 1943 war es nie wieder. „Wer das miterlebt hat, vergisst es nicht“, sagt Elisabeth Schieblich.

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