Publikation des Kasseler Historikers Dietfrid Krause-Vilmar 

Spuren der alten Synagoge: Sitzmauer aus Steinen des zerstörten Gebetshauses errichtet 

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Mauersteine mit Vorgeschichte: Die Sitzgelegenheit auf dem Dorfplatz an der Linde im Herzen von Nordshausen wurde aus Steinen der Kasseler Synagoge aufgebaut. Stadthistoriker Rolf Itter hat deren Weg nach Nordshausen erforscht.

Nordshausen. Wer genau hinschaut und nachforscht, der findet noch heute in der Stadt Spuren der 1938 von den Nationalsozialisten zerstörten großen Kasseler Synagoge.

An verschiedenen Orten gibt es Bauwerke, die aus den Steinen des jüdischen Gebetshauses entstanden sind. Davon sind die Kasseler Historiker Prof. Dietfrid Krause-Vilmar und Rolf Itter nach ausführlichen Recherchen überzeugt. 

Sitzen wir hin und wieder – ohne, dass wir uns dessen bewusst sind – auf Mauern, die aus Bruchstücken der Synagoge gebaut wurden? Dietfrid Krause-Vilmar meint: ja. In seiner neuen Publikation „Bleibende Spuren der Kasseler Synagoge“ fasst er seine Forschungen zusammen. Er kommt zu dem zweifelsfreien Schluss, dass die heutigen Sitzmauern auf dem Dorfplatz von Nordshausen „aus den Steinen der großen Kasseler Synagoge stammen“. Dies ergebe sich aus zahlreichen historischen Dokumenten und sei darüber hinaus an der bearbeiteten Oberflächenstruktur der Steine gut erkennbar.

Alte Synagoge: Auf dem Foto von 1938 ist deutlich zu erkennen, dass das jüdische Gebetshaus Stein für Stein abgetragen wurde. Vorne die Untere Königsstraße.

Blick zurück zum 7. November 1938: In Kassel wüten die Pogrome gegen Juden. Nazis und der sie begleitende Mob schänden in dieser Nacht unter anderem die Synagoge an der Unteren Königsstraße 84. Sie brechen den Thora-Schrein auf, verbrennen Kultusgegenstände und zerstören die Inneneinrichtung. Bereits vier Tage später kommt aus dem Rathaus die Ansage, die Synagoge komplett abzutragen und die Steine, aus denen hundert Jahre zuvor errichtet worden war, in den städtischen Bauhof zu transportieren.

Wo sind diese Steine geblieben? „Es ist fest davon auszugehen, dass die wertvollen Steine wieder in Bauvorhaben genutzt wurden“, schreibt Krause-Vilmar. Dokumente dieser Verwertung, die sich „wahrscheinlich zu günstigen Bedingungen“ vollzog, konnten nicht ermittelt werden.

Auf die Spur könnten die Steine selbst führen. Albrecht Rosengarten (1810-1893), der Architekt der Synagoge, hatte das Mauerwerk genau beschrieben: „Alle Mauern sind von gelblich-weißem Bruchstein; alle Gesimse, sowie die Fenster- und Türeinfassungen von geschliffenem rötlichen Quaderstein.“ Im Falle einer Sitzmauer an der Korbacher Straße auf dem Dorfplatz in Nordshausen gab ein historisches Foto den entscheidenden Hinweis. Krause-Vilmar war auf einen handschriftlichen Vermerk aufmerksam geworden. Der ehemalige Leiter der „Stadtforschungsstelle“, Karl Paetow, hatte in den 1930er-Jahren ein Foto aus Nordshausen kommentiert: „Dorflinde vor der Erneuerung und Umhegung von 1939. Die Steine der neuen Mauer stammen von der Synagoge.“ Der Steinring verschwand im Rahmen der Dorfplatz-Erneuerung 1986. Danach entstand unter Verwendung der Steine aus der Synagoge die heutige Sitzmauer.

Mit Hilfe interessierter Bürger, unter anderem Rolf Itter, einem ortskundigen pensionierten Lehrer, der in Sachen Mauersteine Stunden in Archiven verbracht hat, setzte Krause-Vilmar das Puzzle zusammen. Spannend wie ein Krimi ist es nachzulesen in Band 121 der Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde, ISBN 3-925333.

Das sagt der Autor:

Bei der Sitzmauer an der Dorflinde handelt es sich „erstmals nachweisbar um Steine aus der großen Synagoge“, sagt Dietfrid Krause-Vilmar. „Mir sind noch weitere 30 Stellen in Kassel bekannt, wo ich dies vermute, aber noch nicht nachweisen kann. Ich habe in acht Jahren für meine Recherchen zur Mauer in Nordshausen viele Experten befragt und eingebunden. Mir ist bei meiner Arbeit wichtig, dass ich interessierte Bürger einbeziehe. Das entspricht meinem demokratischen Verständnis von Geschichtsforschung, im Sinne selbstkritischer Wahrnehmung. Es ist noch lange nicht alles aus der NS-Zeit in Kassel erforscht. Da ist es gut zu wissen: Fast immer bleiben Spuren als letzte Zeugen der Untat erhalten.

Das sagt Esther Haß von der Jüdischen Gemeinde Kassel 

„Grundsätzlich finde ich es gut, dass über den Verbleib der Steine aus der Synagoge geforscht wird“, sagt Esther Haß vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Kassel . Es sei wichtig sich zu erinnern. So könne auch das Gerücht entkräftet werden, die Synagoge sei abgebrannt. „Nein, sie wurde Stein für Stein abgetragen“, sagt Haß. Ob es ein Sakrileg sei, dass die Steine zu einer Sitzmauer verbaut wurden? Darüber habe man sich bislang keine Gedanken gemacht. Das Heiligtum für die Juden sei die Thorarolle. Deshalb war das Wiederauftauchen der verlorenen gegangenen Thorarolle vor 20 Jahren so bedeutend für die Jüdische Gemeinde. „Ich hätte nichts dagegen, wenn nach den Steinen weiter geforscht wird.“ 

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