Spurensuche auf Friedhof

Jugendliche aus acht Ländern pflegen Kriegsgräber

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Ukrainer auf Spurensuche: Dima Kutovy (links) und Slava Karvarchuk (rechts) entdeckten Gräber mit russischen Namen. Paul Wenzel und Manuel Mink (Mitte) halfen bei der Suche.

Kassel. Zeynep Bekar harkt mit einem Rechen die schmalen Wege zwischen den langen Reihen mit den grau gewordenen Grabsteinen von Kasseler Opfern der Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs auf dem Kasseler Hauptfriedhof sauber.

„Hier wird das Grauen des Krieges fühlbar“, sagt die 17-jährige Schülerin aus der Türkei. Das habe sie auch während eines Besuchs im Konzentrationslager Buchenwald gespürt, als sie die engen Baracken gesehen habe, in denen die Häftlinge zusammengepfercht waren.

Zeynep Bekar setzt sich im Rahmen einer zweiwöchigen Jugendbegegnung des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Landesverband Hessen) zusammen mit 23 weiteren Jugendlichen aus acht Nationen in Kassel mit Krieg, Frieden und Extremismus auseinander. Natürlich ist auch die NSU-Mordserie an zumeist türkischen Mitbürgern ein Thema. Die Jugendlichen haben dies mit Oberbürgermeister Bertram Hilgen und Kamil Saygin, dem Vorsitzenden des Ausländerbeirats, diskutiert und später am Halit-Yozgat-Platz eine Gedenkfeier für das gleichnamige NSU-Opfer abgehalten. Der Fall sei noch längst nicht ausgestanden, sie glaube nicht, dass die deutschen Behörden den nazistischen Untergrund in Deutschland im Griff habe, sagt Zeynep Bekar.

Der Volksbund versucht mit seinen internationalen Workcamps eine Brücke zwischen den Grauen des Weltkriegs, dessen Zeitzeugen nach fast 70 Jahren immer weniger werden, und der Gewalt des modernen Extremismus in Europa zu schlagen. „Man muss junge Leute neugierig machen und offene Diskussionen führen“, sagt Manuel Mink (25), ehrenamtlicher Betreuer.

Das ist nicht ganz so einfach. In ihrer Heimat interessierten sich junge Leute kaum für die Zeit der gewalttätigen Diktatoren wie Hitler und Stalin, sagt Dima Kutovyi (21) aus der Ukraine, dessen Großvater als russischer Soldat im Zweiten Weltkrieg umgekommen ist. Ihn hat überrascht, wie viele russische Namen auf den Grabsteinen der Militärsektion des Friedhofs stehen. Ernstzunehmende Neo-Nazi-Gruppen gebe es in seiner Heimat nicht, sagtKutovyis Landsmann, der Student Slawa Karvarchuk. Dafür schlügen Skinheads aus Frust manchmal Leute auf der Straße zusammen. Die Gymnasiastin Agata Boguta (17) erzählt, Neonazis oder Extremisten seien in Polen kaum ein Thema. Von den NSU-Morden in Deutschland habe sie zum ersten Mal in Kassel erfahren. Wie Kutovyi und Karvarchuk hat sich Boguta für das Camp des Volksbunds entschieden, weil es auch viel Raum biete, Land und Leute kennen zu lernen. Mit der Grünen-Bundestagsabgeordneten Nicole Maisch diskutierten die Teilnehmer über natürliche Ressourcen.

Aurel Seemann aus Stuttgart ist überrascht, wie viele Mahnmale über Krieg und Judenverfolgung es in Kassel gibt. Es sei wichtig, die Erinnerung daran wach zu halten, auch wenn Gespräche darüber manchen jungen Leuten schwer fielen. (pdi)

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