Mit Luxus-Bad für NS-Funktionäre

Spurensuche: Kulturbunker diente als Schutzraum für Reichsbahnbedienstete

Kassel. Vergessene Orte, geheime Tunnel und Überreste vergangener Zeiten: Zuletzt stellten wir das Parkhaus der Kurfürstengalerie vor. Jetzt erkundeten wir den Kulturbunker, wo Teile der Originalausstattung von 1940 zu sehen sind. Zum Beispiel ein Bad für hochrangige NS-Funktionäre.

Wenn der Gang unter dem Kulturbunker beleuchtet wäre, könnte man annehmen, dass Kassel über eine verborgene U-Bahnhaltestelle verfügt. Auf die staubigen Fliesen sind Sprüche geschrieben. Die Luft ist kühl. Es geht leicht bergab. Nach einigen Metern ist Schluss. Denn der 160 Meter lange Tunnel, der den 1940 gebauten Hochbunker an der Friedrich-Engels-Straße mit dem Gebäude der früheren Reichsbahndirektion (heute der Sitz von Ver.di) an der Kölnischen Straße verband, ist an einigen Stellen zugemauert worden.

Hintergrund:
Das ist der Bunker heute

Der Hochbunker befindet sich im Besitz der Kulturbunker Kassel GmbH, einer Gemeinschaft von Kulturschaffenden. Künstler aus Musik und Tanz arbeiten dort in Produktions- und Proberäumen. Außerdem finden Hobby-Musiker und Tänzer Angebote für Unterricht und Workshops. Derzeit werden laut Geschäftsführer Mathias Reuter 300 Quadratmeter Fläche als „Museumsteil“ vom Eigentümer finanziert und stehen bei Führungen zur Verfügung. Ob das immer so bleibe, sei aber offen, sagte Reuter. Denn der Eigentümer müssen die Flächen aus Kostengründen eventuell einmal vermarkten. Die Gemeinschaft erhalte keine Fördergelder. (mho) 

Infos:   

www. kulturbunker-kassel.de

www.vikonauten.de

„Nach dem Krieg haben sich die Bahnbediensteten gewundert, warum fremde Menschen bei ihnen im Gebäude aufgetaucht sind“, sagt Bernd Tappenbeck vom Verein Vikonauten. Daraufhin wurde der Gang geschlossen. Von einigen Wohnhäusern an der Bismarckstraße seien Teile des Tunnels ebenfalls zugänglich gewesen. Ein Zeitzeuge berichtet von prunkvoll eingerichteten Zimmern

Der 43-jährige Tappenbeck bietet mit Thomas Gudella und Jens Domes unter dem Titel „Kassel Total“ Touren durch Kassel an. „Wir müssen überall rein, wo eine Tür verschlossen oder ein dunkles Loch ist“, sagen die beiden. Sie reizt es, verborgene Ecken der Stadt zu entdecken. 1940 wurde der Bunker, in dem sich heute zum Beispiel Proberäume für Künstler befinden, fertiggestellt. Genaue Aufzeichnungen aus der Zeit gibt es nicht mehr.

Damals hieß die Friedrich-Engels-Straße noch Kronprinzenstraße. Dem Bunker vorgelagert ist eine Fassade im neoklassizistischen Stil. Dahinter befindet sich ein Treppenhaus, dann erst beginnt der Bunker. „Es sollte wie ein Bürogebäude aussehen“, sagt Gudella. Im Fall eines Bombenangriffs sollten die Angestellten der Reichsbahndirektion durch den Tunnel in den Hochbunker gelangen, der auch als „Engels-Bunker“ bekannt ist. Noch bevor die Bevölkerung durch den Fliegeralarm gewarnt wurde, seien die Angestellten informiert worden und konnten sich in Sicherheit bringen, sagt Tappenbeck.

Der Bunker, wie sie anhand alter Hausordnungen Zeitzeugenberichte und im Gespräch mit Historikern herausgefunden haben, soll auch höheren NS-Funktionären als Schutz gedient haben. Der Bevölkerung wurde der Bunker erst nach Dienstschluss zur Verfügung gestellt. Zwangsarbeitern, die das Gebäude errichteten, war der Zutritt verwehrt.

Dass der Bunker außergewöhnlich ist, wird auch an anderer Stelle deutlich: Im ersten Geschoss taucht im Taschenlampenschein ein Sanitärbereich auf: Neun Duschkabinen, zwei Badewannen und mehrere Toiletten sind zu sehen. „Ich weiß nicht, in welchen Bunkern es so ein Luxusbad gab“, sagt Tappenbeck. Das sei Indiz dafür, dass der Bereich für ein spezielles Klientel vorgesehen war.

Für den Komfort spricht auch ein Heizkörper nahe der Duschen. „Bunker wurden meist nicht geheizt, sondern wegen der vielen Menschen und der Wärme runtergekühlt“, erklärt Pappenbeck. Das Aggregat dafür befindet sich in einem anderen Raum.Wann und von wem die Räume letzlich genutzt wurden, sei wegen fehlender Aufzeichnungen nicht genau nachzuvollziehen.

Geheimer Raum am Tunnel

Ein Kasseler, der als Schüler im Bunker Dienst leistete, berichtet von Gemälden

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Stuckverzierte Decken, Ölgemälde und wertvolle Teppiche sollen sich in einem Raum befunden haben, der an den 160 Meter langen Tunnel angrenzte. Der verband den Hochbunker mit der Kasseler Reichsbahndirektion. „Von diesem Raum hat uns ein Zeitzeuge erzählt“, sagt Bernd Tappenbeck vom Verein Vikonauten, der Führungen durch verborgene Orte in Kassel anbietet. Offenbar gab es von Kellern in der Bismarckstraße eigene Zugänge zu dem Tunnel und dem Raum. Der Gang ist heute an beiden Enden nach einigen Metern zugemauert.

Es sei möglich, dass in diesem heute nicht mehr zugänglichen Raum Kunstschätze gelagert wurden oder die Funktionäre sich dort aufgehalten haben, sagt Tappenbeck. Der Zeitzeuge, der dort als Schüler am Ende des Krieges notdienstverpflichtet wurde, hat ihnen diesen Raum beschrieben.

Zutritt nur für Auserwählte 

Dieser Mann, der inzwischen verstorben ist, hat einige Erinnerungen auch schriftlich festgehalten. Einige Auszüge: An einem Tag am Ende des Krieges, als durch Bombenagriffe der Strom, Wasser und Gas wieder ausgefallen ist, hatte er Bereitschaftdienst. Seine Aufgabe war es, zerstörte Fernmeldekabel zu reparieren.

Im Bunker der Reichsbahndirektion, in der er seinen Dienst tat, hatte die örtliche NS-Leitung ihre Zentrale, erinnert sich der Zeitzeuge. Für den Kreisleiter und seine Familie gab es dort einen besonderen Raum, zu dem nur sie Zutritt hatten und sich bei einem Angriff zurückzogen. In den Bunker hatten laut der Erzählung Mannes nur ausgewählte Menschen Zutritt. Wenn die es Meldung eines Luftalarms gab, kam die ganze Prominenz, erinnerte er sich in einem Schreiben.

Von Max Holscher

Bilder aus dem Bunker

Spurensuche im Hochbunker an der Kasseler Friedrich-Engels-Straße

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